„Dancing first“ – Über die schönste Nebensache der Welt und ihre Folgen

Manchmal muss man sich im Leben einfach wundern.

Zum Beispiel darüber, warum so ein Musikjunkie wie ich nicht viel früher damit angefangen hat. Wer einen heißen Beat, einen innig geliebten Song hört, will sich schließlich dazu bewegen, right? Vielleicht gilt das nicht für jeden, doch ehrlich gesagt: Leute, die bei Nummern wie „When Doves Cry“ oder „Owner Of A Lonely Heart“ oder „Stayin’ Alive“ oder „Insomnia“ oder „Ça Plane Pour Moi“ (spontane, nach eigenem Gusto veränderbare Auflistung) wie mit UHU bestrichen am Platz kleben können und überdies nicht mal mit der Fußspitze (dem Kopf, den Schultern, den Fingern…) wippen müssen, sind mir suspekt.

[Du gehörst zu jenen Leuten? Toll. Setz dich, nimm dir ’nen Keks und lies weiter.]

Die vollendete Stufe der Bewegung zu Musik ist aber nicht das Fußspitzenwippen, sondern das Tanzen. Da wippt der ganze Körper und im Idealfall kommt dieses Ganze ziemlich rund und geschmeidig rüber. Und für beengte Disco-Partys in der Bar um die Ecke reicht es absolut aus, sich der Sache allein zu widmen. Lediglich ein Leib und der Rhythmus der Nacht und, na ja, eventuell ein Gläschen Lockermacher vorab. „Trust me, you can dance“, beteuerte der unschuldig lächelnde Drink…

Der Vorteil einer Solo-Performance: Sie klappt allzeit und überall. Kein Verbündeter ist erforderlich, dem man sich in puncto Musikgeschmack und Erfahrung unterordnen müsste, oder der einem knallhart Stilettos, Stahlkappen und anderes Schuhwerk in die Pfötchen rammt (zu dieser Art von Belästigung auf der Tanzfläche sind allerdings auch die einzeln zuckenden Leiber in der Bar um die Ecke fähig).

Der Nachteil? Den hat 1992 Chris McCandless alias Alexander Supertramp in sein Exemplar von Doktor Schiwago gekritzelt: „Happiness only real when shared“ – eine Notiz, die so etwas wie der Nullte Hauptsatz der zwischenmenschlichen Dynamik ist und aufs Tanzen ebenfalls zutrifft. Der Zweiercombo winkt nämlich der totale Glückshormon-Jackpot.

Natürlich wusste ich das nicht immer schon, sonst hätte ich mich bereits in der gymnasialen Mittelstufe für Paar- und Gesellschaftstanz interessiert. Während meine Geschlechtsreife einsetzte, wäre ich jedoch eher splitterfasernackt im Unterricht aufgetaucht, als den in der 9. Klasse beliebten „Welttanzprogramm“-Grundkurs in Erwägung zu ziehen; im Unterschied übrigens zu 99 Prozent meiner Mitschüler, die sich plötzlich im Doppelpack bei der örtlichen Tanzschule anmeldeten und dort höchst ominöse Freitagabende verbrachten. Zwei Freundinnen von mir, nennen wir sie Carina und Nadine, waren gar dermaßen angefixt, dass sie freiwillig alle (!) weiteren Level meisterten und ihre Wochenenden bald nurmehr mit ihrem neuen Dopamin-Dealer teilten.

Ich hatte mich von Carina zu einer Schnupperstunde überreden lassen. Um noch vor deren Ablauf befremdet die Flucht zu ergreifen. Arme Carina! Extra für meine Wenigkeit übernahm das Mädel den Herrenpart und schmiss mich himmelhoch jauchzend (sie, nicht ich) im Saal umher. Ich, schockstarr aus Furcht vor einer Blamage, löste mich aus den zupackenden Armen und verkroch mich traumatisiert in die hinterste Nische des Loungebereichs, um meine Wunden zu lecken.

Das also war dieses sagenumwobene Tanzen? Und am besten sollte ich – schüchtern, tollpatschig, nerdig und hormongepeinigt, wie ich war – statt von Carina von irgendeinem süßen Jüngling übers Parkett geschleift werden? Bitte, wie konnte das bloß Spaß machen, und was war überhaupt der Sinn der Übung? Absurd erschien es mir, mich dem vermeintlichen Mief und Drill einer Tanzschule auszuliefern (Anschauungsmaterial: die Exerzier-Einrichtung „Galant“ und deren prüde Fifties-Moral in der gelungenen ZDF-Produktion Ku’damm 56/59) und das professionelle Über-zwei-linke-Füße-Stolpern zu lernen. Da hatte ich ja wohl weitaus wichtigere Dinge zu tun.

Die Partydroge Nr. 1 sämtlicher Generationen

Wenige Jahre später lachten mir Schul-, Abi- und Uni-Bälle, die ersten Hochzeiten im Freundeskreis sowie die Dauerfeierlichkeiten einer fruchtbaren Seitenlinie meiner Familie hämisch und fingerzeigend wie Nelson bei den Simpsons ins Gesicht: „Ha ha!“ Was ich überflüssig und uncool gefunden hatte, weil alle es taten (und was alle taten, konnte nix Gescheites sein), war in Wirklichkeit die Partydroge Nr. 1 sämtlicher Generationen und vor allem eine Sprache, die jeder – bis auf mich – beherrschte. Und das unverständliche Regelwerk machte Spaß, wie ich an der Mimik der Tanzenden verteufelt noch mal erkennen musste.

Mein dummes Pubertäts-Ich hatte mir etwas vorenthalten, was ich nie wieder würde reinholen können. Dessen war ich mir sicher und der Frust wuchs und wuchs. Fortan hockte ich bei Festen verdrießlich in der Finsternis und hoffte, nicht versehentlich zum Tanzen aufgefordert zu werden, obwohl ich mir insgeheim genau das zu wünschen begann: um einen Tanz gebeten zu werden – und dann nicht wie ein tageslichtgerösteter Vampir zu Staub zu zerbröseln, sondern ohne mit der Wimper zu zucken eine flotte Sohle hinzulegen.

Stattdessen legte ich zurecht, und zwar Ausreden für den Aufforderungs-Ernstfall: „Du, sorry, ich hab Knoblauch gegessen – und außerdem ist der Song doof / muss ich aufs Klo / hab ich Migräne / wird mein Sekt warm!“ Zog der Fragesteller von dannen, starrte ich ihm wehmütig hinterher.

Manchmal kratzte ich sogar all meinen Mut zusammen; erinnerte mich an die Ballettstunden als Kind und die Zumba-Kurse bei der VHS und die Disco-Partys in der Bar um die Ecke; wusste, dass ich mich allein prinzipiell zu Musik bewegen kann (alle Menschen können es); und glaubte, mein Gegenüber müsste ja eigentlich nur ordentlich führen, damit wir auch zu zweit – njet. Nöpedi nöpedi nö. Nur Führen und nur Folgen klappt definitiv nicht, wenn frau die Schritte nicht kennt. Sonst gibt’s nach ein paar Drehungen keine Chance, dem Schleudergang ohne verknotete Arme und Beine zu entrinnen.

Schleichend gesellte sich zum Groll über diese Ungerechtigkeit eine große, heimliche Schwäche, deren Outing nun gekommen ist: Seit ich mir mein TV-Programm selbst aussuchen kann, schwärme ich nämlich für Musikfilme und Tanzszenen. Seien die Streifen wirklichkeitsfremd, albern oder kitschig – total egal. Sowie über einen Monitor eine Sequenz aus Footloose, Grease, Saturday Night Fever, Fame oder Dirty Dancing flimmert, bleibe ich hypnotisiert hängen.

Der coole Tarantino-Twist von Mia Wallace und Vincent Vega zu Chuck Berrys „You Never Can Tell“? Schreit förmlich nach Nachahmung. Das Training für den Tanzwettbewerb in Silver Linings? Irre. Der Bühnengroove der Blues Brothers? Hinreißend. Fred Astaire „Puttin’ On The Ritz“ in Blau ist der Himmel? Unbezahlbar. Die Choreografie in Woody Allens Alle sagen: I love you? I love it. Und die aufwühlenden Swing Kids? Ein Meisterwerk.

Filme wie diese und das nagende Gefühl, etwas verpasst zu haben – irgendwann dämmerte es mir. Irgendwann musste ich die knallharte Realität akzeptieren: Die Tanzschule hatte eine potenzielle neue Kundin, kreisch (hier gedanklich bitte dreimal das Edvard-Munch-Emoji einfügen). Ü30, hochgradig motiviert, mindestens ebenso nervös und vor allem: ohne adäquaten Partner.

Das Problem war eindeutig maskuliner Natur. Denn aus Motiven, die mir nicht erklärlich sind (nein, nach dem bisherigen Elaborat überhaupt nicht…), weigert sich der gemeine Testosteroniker stoisch, einen Dancefloor zu betreten, solange dieser nicht zufällig den kürzesten Weg zwischen Tresen und Toilette bildet. Über die Angst der Männer beim Anblick einer zum Schwofen geeigneten Fläche ließe sich ein Buch schreiben, dabei möchte ich den unfreiwilligen Singles unter ihnen etwas verraten: Ein (Paar-)Tänzer hat exponentiell steigende Chancen, dass sich Horden von Damen in seine Arme werfen werden…

Dem Elend ein Ende bereiten

Aus Gründen, die auf der Hand liegen (Turteltäubchen schleppen neben beflügelnden Empfindungen automatisch den Ballast und Schmutz aus ihrem Nest mit aufs Parkett), wollte ich mein Tanzglück trotzdem außerhalb meiner Beziehung finden. Und ich hatte Dusel. Im Freundeskreis streifte tatsächlich jemand mit einer ähnlichen Vorgeschichte umher; genauso entschlossen, dem Elend ein Ende zu bereiten.

Gedacht, getan – bevor eine(r) von uns beiden die Terminator-mäßige Entschlossenheit verlor. Dass meine Stadt bloß eine in Frage kommende Tanzschule beherbergt, ersparte uns schon mal das lästige Vergleichen und Auswählen. Wir meldeten uns online an, staksten auf zittrigen Knien ins Gebäude, von der Wand des Foyers grüßte die ehrwürdige Brooklyn Bridge, und all meine schlimmsten, für Jahre kultivierten Sorgen erwiesen sich als – unnötig. Kein Mief. Kein Drill. Nichts als: sofortige Erfolgserlebnisse. Holla, die Waldfee!

Natürlich verwandelt sich niemand binnen weniger Monate in Gene Kelly oder Ginger Rogers. Aber das war ja nicht das Ziel (na ja, zumindest vorläufig nicht). Wir wollten lediglich bei Veranstaltungen eine leidlich gute Figur machen, uns amüsieren und nebenher ein bisschen was für die grauen Zellen und die nicht mehr ganz taufrischen Körper unternehmen. Stattdessen, tja, entwickelte alles eine nicht zu stoppende Dynamik.

Wer hätte einst geglaubt, dass ich einmal Carina und Nadine nacheifern und in manchen Wochen dreimal zu meinem Dopamin-Dealer eilen würde, jede sich bietende Probemöglichkeit nutzend? Dass ich mir noch vor dem Finale des Anfängerkurses Tanzschuhe gönnen würde, übrigens eine sehr sinnvolle Investition? Dass ich via YouTube die Feinheiten bestimmter Moves erkunden, beim Zähneputzen Schritte einstudieren und jedem zufällig gehörten Song im Geiste den hoffentlich korrekten Tanz zuordnen würde?

Wer hätte geglaubt, dass wir nach dem Anfängerkurs unisono dranbleiben und ein sogenanntes Bronze-Diplom absolvieren würden, um aktuell in Richtung Silber zu schielen und die Reise danach garantiert weiter fortzusetzen? Dass wir planen würden, den nächsten Nürnberger Opernball zu infiltrieren, um unsere Wiener-Walzer-Kenntnisse stilecht in Smoking und langem Abendkleid auszuführen? Dass wir überhaupt je einen Wiener Walzer lernen würden?! Und dass wir im Umfeld des Tanzens so vielen netten, interessanten Leuten begegnen würden, von den Lehrern über die Mitschüler bis zu den Bekanntschaften bei den Übungspartys?

Tanzen ist eine universelle Sprache. Es drückt – für jedermann und jederfrau fassbar – elementare Emotionen aus, es transportiert die tiefsten Wahrheiten des Unterbewussten ohne Worte an die Oberfläche. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man nicht schweigen, sondern tanzen, verehrter Wittgenstein. Express yourself! Wer je eine Arbeit von Pina Bausch sah, wird verstehen, was ich meine.

Gemeinsam praktiziert wird diese Sprache, selbst im Rahmen einer exakt definierten Grammatik, zum Dialog, zum leicht zeitverzögerten Zwiegespräch der Leiber über die ihnen innewohnenden Seelen. Diesem Austausch wiederum wohnen für mich Schönheit und Magie inne. Das Verhältnis von Muskelanspannung, Raum und Musik sowie die Interaktion mit dem Tanzpartner liefert allerdings so einige Parameter, die es im Sekundentakt zu kontrollieren gilt. Das kann nicht dauernd klappen…

Bei den stampfenden Discofox-Beats fühle ich mich wie ein See-Elefantenbulle auf Speed, der durch die nächste Dorf-Disse tobt. Eine Performance, die dringend optimiert werden muss. Der Tango Argentino sollte ja eigentlich vor Eleganz und Leidenschaft überfließen. Eigentlich. Bei uns gleicht er eher Ozzy Osbournes verwirrtem Herumgeschlurfe in Hauspantoffeln, auf der Suche nach dem richtigen (Licht-)Schalter: „Sharon!“

Pfeffer im Hintern

Unsere Samba beschwört im Saal mehr Karel Gotts „Biene Maja“ als den Karneval in Rio herauf, wobei sie zum Bacardi-Lied und mit einem Rum intus immerhin ein authentisches „Summer Feeling“ hat. Auch die Salsa hätte normalerweise ordentlich Pfeffer im Hintern, doch meine kubanische Seite offenbart sich halt leider nur in Babyschritten – but „nobody puts Baby in a corner“, gell, Patrick Swayze?

Besser funktioniert da der Cha-Cha-Cha. Fand ich früher allein schon dessen Namen affig, kriege ich inzwischen von der Tatsache, meine Hüften zu „Corazón Espinado“ oder „Cha Cha For Elise“ (Beethoven goes Ballroom!) schwingen zu können, nicht genug. Tanzexport Nr. 3 von der Zuckerinsel, die romantische Rumba, mag ich total gern, seit ich den Dreh beim Rhythmus heraus habe. Ebenso wie den Langsamen Walzer und den Blues, schmacht und sabber. Und was noch alles hinzukommen wird: Swing in sämtlichen Varianten – „It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing!“ –, der Slowfox, der Quickstep, der Europäische Tango…

Die persönlichen Highlights indes sind bereits identifiziert. Ich habe festgestellt, dass zu fast allem, was durch meine ewige Playlist rotiert, ein Jive oder ein Foxtrott ausgepackt werden kann. Letzterer verweigert sich uns bisher zwar ein bisschen, nichtsdestotrotz hat das Ding zu allem, was entfernt auf Country- und Big-Band-Klänge baut, einfach Klasse. Der Jive hingegen zaubert pures Retro-Glück in meine Beine, denn das flutschendste Stimulans der Sixties war und ist nun mal der tanzbare Sound.

Klar – nie werden wir alles meistern, was zu meistern ist. Die Techniken, die Figuren, die Kombinationen, die wichtigen Details, die Nuancen des Führens und des Folgens, die Zahl der Tänze: alles unendlich. Eine Lebensaufgabe, die wir gerade erst begonnen haben. Aber Tanzen ist ja passenderweise eine Lebenseinstellung. Es geht um Taktgefühl (musikalisch wie zwischenmenschlich), um Höflichkeit, um Haltung (der Wirbelsäule und des Charakters), um in der ach so modernen Gesellschaft vergessene Tugenden, die unserem Miteinander ganz sicher nicht schaden.

Und es verschafft mir Halt. Gegen unnütze Plagegeister wie Schwindel, Depressionen oder Panikattacken existiert kaum eine bessere Medizin, als ein Tänzchen zu wagen. Das haut Sauerstoff ins Hirn und Freude ins Herz und braucht viel zu viel Präsenz im Hier und Jetzt, um über Psychokram grübeln zu können. Tanzen ist ein äußeres und innerliches Allheilmittel, von dem ich mich willig einlullen lasse. Ja, da habe ich dick aufgetragen. Doch wie schrieb schon 1952 Samuel Beckett? Kopf aus, tanzen:

ESTRAGON: Perhaps he could dance first and think afterwards […].
VLADIMIR: Would that be possible?
POZZO: By all means, nothing simpler. It’s the natural order.

– Samuel Beckett: Waiting for Godot

[Heute ist Internationaler Tanztag. Schluck den Keks runter, steh auf, schalt dein Lieblingslied ein – und trau dich.]

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