Das Lied vom traurigen Sonntag

Außerdem musste man den Selbstmord als Volkssport hochhalten, als das ungarische Laster schlechthin. […] Jahrhundertelang hatten sich Ungarn aller Güteklassen, die es nicht in ungarische Armeen geschafft hatten, die dann ausradiert wurden, das Gehirn weggepustet oder ihren Seelen mit anderen Methoden den Käfig geöffnet. Nur ein paar Minuten der Muße, nur ein paar Takte melancholische Musik, und schon zog sich der Durchschnittsungar den Stöpsel raus.

– Tibor Fischer: Stalin oder ich

Ob ein paar Takte melancholische Musik für den Durchschnittsungarn tatsächlich ausreichen, um sich den Stöpsel rauszuziehen, wie der Protagonist Gyuri in Tibor Fischers makaberem, brüllend komischem Roman Stalin oder ich sinniert? Nun, Fischer ist (wie ich) ein Kind ungarischer Emigranten und sollte eigentlich wissen, worüber er da schreibt.

Obwohl es schwierig – weil historisch belastet – ist, einem Volk eine bestimmte Mentalität zuzusprechen, spricht die Statistik Bände: 2012 zum Beispiel hatte Ungarn laut WHO die höchste Suizidrate in Mitteleuropa, belegte Platz 2 in Gesamteuropa und kam global betrachtet auf Platz 6! Das ist immens für so einen kleinen Staat, wo es gar nicht dermaßen viele Menschen gibt, die sich umbringen könnten. Zum Vergleich: Deutschland mit seinen achtmal mehr Einwohnern landete bei den 170 Ländern, deren Daten in die Berechnung einflossen, „nur“ auf Platz 44.

Und dies alles war vor sieben Jahren. Während die Magyaren mit der sozialistischen und anderen Fremdherrschaften zu kämpfen hatten, schlenderten sie noch bereitwilliger durch den vom Selbstmordversuchsprofi Hermann Hesse stets offengehaltenen „Notausgang“. Männer übrigens signifikant häufiger als Frauen, was genauso für die prominenteren Exemplare gilt: István Széchenyi etwa, der große Staatsreformer, der unter anderem den Bau der Budapester Kettenbrücke anstieß, erschoss sich 1860. Wie 1989 der postum neu entdeckte Schriftsteller Sándor Márai. Der angesehene Lyriker Attila József warf sich 1937 vor einen Güterzug. Rezső Seress, Pianist und Komponist, sprang 1968 aus seiner Hauptstadtwohnung, fand sich im Krankenhaus wieder und erdrosselte sich schließlich mit einem Stück Draht.

Ursachenforschung wird seit Ewigkeiten betrieben. Ist vielleicht ein finno-ugrisches Gen schuld am Hang zum selbstbestimmten Exitus? Nein, die Finnen sind trotz des Buches Der wunderbare Massenselbstmord von Arto Paasilinna, das Gegenteiliges suggeriert, und temporärer Dauerdunkelheit als relativ lebensbejahend einzustufen (immerhin erreichten sie 2012 den 24. Platz auf der internationalen Liste). Und die ebenfalls der Völkerfamilie entspringenden Esten werden in puncto Suizid von ihren baltischen Nachbarn Lettland und erst recht Litauen locker übertrumpft.

Natürlich, dachte Gyuri, mochte der ungarische Hang zum Selbstmord mit Ungarns zweiter großer Schwäche zusammenhängen: der Liebe zum Klagen. Und bei wem konnte man sich besser beklagen als beim Chefarchitekten? Geh in die Vorstandsetage, sieh deinem Schöpfer ins Auge und brabbel ihn mit den Mängeln seines Universums voll. Wahrscheinlich bildete sich vor Gottes Büro eine lange Schlange schmutziger Ungarn, die nichts anderes im Sinn hatten, als ihm Vorhaltungen zu machen.

– Tibor Fischer: Stalin oder ich

Bei den Ungarn scheint es so, dass sich Pessimismus und Bitterkeit tief ins Weltbild eingebrannt haben. Die Geschichte der Nation prägten Verluste und Repressionen, an denen kollektiv gelitten wird. Als einsame Sprachinsel mit östlicher Lage und westlicher Mentalität fühlt man sich frustriert und wirtschaftlich abgehängt, psychische Erkrankungen wie Depression und Alkoholismus sind Standard, Jammer und Klage gehören zum guten Ton. Idole, die den Worten schon Taten folgen ließen, ruhen auf jedem Friedhof. Es soll sogar ein Dorf existieren, wo das Abtreten durch Erhängen häufiger vorkommt als jede andere Todesart.

Das Zauberkraut gegen das Gebrechen heißt: Resilienz. Also die Fähigkeit, lausige Umstände so weit auszublenden, dass man nicht von ihnen dahingerafft wird. Eine Möglichkeit der Ausblendung ist das, was der ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi (der für seine Glücksforschungen – tragische Ironie – den Széchenyi-Preis erhielt) als Flow bezeichnet. Menschen, die ihre Konzentration restlos auf so etwas Banales wie Schachspielen oder Malen richten und darüber Zeit und Raum vergessen, sind im Flow und entstresst. Csíkszentmihályis Landsleuten würde ein bisschen Flow zur Sorgenminderung nicht schaden.

Bisher ist aber Sich-Umbringen die ungarische Form der Problemlösung. Weißt du nicht mehr weiter, bist unzufrieden oder möchtest irgendwen für irgendwas bestrafen – zack! Zieh dir einfach, wie eingangs erwähnt, den Stöpsel. Das ist sozial akzeptiert und kulturell legitimiert.

Wenn Wilma protestiert, beruhigt er sie; das sei nur der morbide Ungar in ihm, alle Ungarn redeten so. Als Ungar kann man keinen Tag verstreichen lassen, ohne eine Selbstmorddrohung auszusprechen […].

– Margaret Atwood: Fackelt die Alten ab

Womit wir, Stichwort Kultur, schon wieder bei Tragik und Ironie angelangt wären. Kein Geringerer als der so entschieden aus dem Leben geschiedene Krankenhaus-Strangulator Rezső Seress war nämlich mitverantwortlich für „Das Lied vom traurigen Sonntag“ alias „Gloomy Sunday“ alias „Szomorú Vasárnap“ – die Harakirihymne schlechthin. Ein grotesk undurchdringliches Gestrüpp rankt sich um dieses Musikstück aus den frühen Dreißigerjahren, ein nicht mehr vollständig aufzudröselndes Knäuel aus Fakten und Fabeln, von denen die bekannteste behauptet, dass der Song aufgrund seiner Schwermut unzählige Ungarn in den Tod gejagt habe (was ja offenbar nicht allzu schwierig ist).

Wenn man sich an die Fakten halten will, dann lässt sich über die Entstehungsgeschichte dieses perfekten Stöpselziehers wenig erzählen. Rezső Seress komponierte seine monoton-melancholische Klaviermelodie in c-Moll bei einem Aufenthalt in Paris. Ein Kollege aus Pannonia, der Poet und Publizist László Jávor, steuerte unter dem Titel „Szomorú Vasárnap“ („Trauriger Sonntag“) die heute vertrauten Lyrics über eine verlorene Liebe bei.

Ob Seress im Auftrag Jávors ein fertiges Gedicht vertonte? Ob Jávor seine Zeilen als Antwort auf Seress’ wehmütige Weise notierte? Ungarische Quellen stützen These Nr. 1; dennoch nennen einige deutsche und englische Autoren Seress als den ursprünglichen Initiator. Spielt für die weitere Deutung jedoch keine Rolle. Spätestens bei der Suche nach der jeweiligen Inspiration der beiden Künstler begeben wir uns ohnehin auf Mythengelände.

Was Rezső Seress Anfang der 1930er auf dem Klimperkasten kreierte, war wahrscheinlich von der Weltwirtschaftskrise, dem Erstarken rechtsextremer Kräfte und Sorgen um die Zukunft beeinflusst. Vielleicht kam zur politischen außerdem die typisch ungarische persönliche Verzweiflung hinzu. Das würde jedenfalls die finster-hypnotische Sogwirkung des Werkes noch besser erklären. Sein Schöpfer versah es auch mit einem Text, wobei umstritten bleibt, ob sofort oder erst unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges. „Vége a világnak“ (sinngemäß: „Ende der Welt“) nannte Seress die bildgewaltige Elegie, in welcher er von grassierender Gier und Niedertracht, von Schrapnells und Blutvergießen erzählt.

Der Projektbeteiligte László Jávor hingegen wurde, kurz bevor er zum Stift griff, von seiner Verlobten abserviert. Dies darf tatsächlich als sicher gelten. Den Liebeskummer reimte sich Jávor nun in zwei Strophen von der Seele, aus denen man nicht zwingend Suizidpläne heraushören muss. Zwar ist von Tränen und Trauer über die plötzliche Abwesenheit der Geliebten die Rede, ferner von tiefer Niedergeschlagenheit, welche das lyrische Ich in den Sarg bringt – allerdings nicht durch die eigene Hand, sondern wegen des gebrochenen Herzens.

Beide Ereignisse, das Verlassen-Werden und das Sterben, fallen auf einen Sonntag. Laut Legende tun sie das deshalb, weil Jávor sein Lamento an genau jenem Wochentag verfasste. Letztlich wurde so als gemeinsames Baby von Jávor und Seress „Das Lied vom traurigen Sonntag“ geboren, als man es im Schicksalsjahr 1933 in Notenblattform publizierte (zuvor hatten etliche Verlage eine Veröffentlichung abgelehnt). Der ungarische Interpret Pál Kalmár nahm es 1935 als Platte auf, und das Unglück nahm seinen Lauf.

Es dauert nicht lange, da kursieren Gerüchte. Nach dem Genuss des Musikstückes sollen sich Menschen umgebracht haben, bevorzugt sonntags. Man habe neben ihnen das Notenblatt gefunden, oder ein Grammofon, das die Nummer in Endlosschleife in den Raum plärrte. Oh, diese lebensmüden Ungarn. Selbst die von Jávor verewigte Ex addiert man bald zu den angeblichen Opfern des Songs. Als Abschiedsbrief habe sie lediglich einen Zettel mit den Worten „Szomorú Vasárnap“ hinterlassen.

Klingt gruselig? Tja, so sind die, die modernen Schauermärchen aus dem urbanen Kosmos. Wer den Abschiedsbrief von Kurt Cobain kennt, weiß jedoch, dass ein finaler Fingerzeig auf die Popkultur, auf Bücher, Lieder oder Filme an und für sich nichts Ungewöhnliches ist. Ein richtiger, das heißt kausaler Zusammenhang zwischen den damals vermutlich auf das Konto von Armut, Hungersnot und faschistischen Umtrieben gehenden Freitoden und Frau Musica kann trotzdem nie nachgewiesen werden, liest sich aber schön, wenn er in der Zeitung steht.

Und das tut er immer häufiger, denn das Medieninteresse an der Möglichkeit, die vielen Selbsttötungsfälle jener Ära in eine ungewöhnliche Story einzubetten und damit ein bisschen zu beschönigen, wächst. Das Problem dabei: der Werther-Effekt. Durch eine Welle von Nachahmungstaten kann dank der Berichterstattung nämlich auch wieder die Suizidrate steigen.

Natürlich schwappt solch eine Sensation rasch nach Übersee und die angloamerikanische Welt wird auf den „Gloomy Sunday“ („Düsterer Sonntag“) aufmerksam. Diesen Titel wählt Übersetzer Sam M. Lewis für den Track, den er massiv umdichtet und um eine neue, dritte Strophe ergänzt. Ab jetzt wird explizit beschrieben, wie jemand dem Sensenmann unter die Arme greifen will: Die Liebste ist nicht fort, sondern tot, und das lyrische Ich beschließt, ihr ins Jenseits zu folgen – kämen da nicht plötzlich die fremden Verse, in denen auf musikalischer wie textlicher Ebene ein Fragezeichen gesetzt und alles zum Traum verharmlost wird.

Dreaming, I was only dreaming
I wake and I find you asleep
In the deep of my heart here
Darling I hope
That my dream never haunted you
My heart is tellin’ you
How much I wanted you

– Sam M. Lewis: Gloomy Sunday

Der Bandleader Hal Kemp ist 1936 der Erste, der Lewis’ Variante in ein Studiomikrofon trällert. Berühmter wird 1941 die elegante Interpretation der US-Jazzsängerin Billie Holiday. Später werden so unterschiedliche Namen wie Heather Nova, Ray Charles, Marianne Faithfull, Björk oder Serge Gainsbourg den Song einspielen; Monsieur Gainsbourg selbstverständlich auf Französisch.

Das bis heute beibehaltene, entschärfte Ende bringt damals nichts – zumindest der Legende nach: Reihenweise stecken sich angeblich die Jazzfans in England und Amerika mit dem Suizidvirus des von der Plattenfirma so beworbenen „ungarischen Selbstmörderliedes“ an, worauf es die Radiosender aus dem Programm entfernen müssen… Letztlich ist die Beweislage hierfür genauso dünn wie für das Gerücht, dass schon die Originalfassung von der ungarischen Obrigkeit zensiert worden sei.

Oder dass die BBC Billie Holidays Cover wegen Schwächung der Kriegsmoral verboten, als Kompromiss allerdings Instrumentalversionen durch den Äther geschickt habe. Im Ernst – bei der deprimierenden Melodie? Warum nicht gleich den Teufel mit Beelzebub austreiben? Oder behaupten, dass ein Fluch auf der Nummer laste? Immerhin verliert Ur-Sänger Pál Kalmár 20 Jahre vor seinem Tod die Stimme, Hal Kemp stirbt mit 36 an den Auswirkungen eines Autounfalls, Billie Holiday verendet mit 44 an Leberzirrhose und das Schicksal von Rezső Seress kennen wir bereits. Trotzdem sind das alles Koinzidenzen ohne ursächlichen Zusammenhang.

Definitiv nicht ins Reich der Mythen gehören dagegen die vielen Filme, die sich seit Jahrzehnten dem Stoff widmen. Als bekanntester darf die Buchadaption Ein Lied von Liebe und Tod – Gloomy Sunday von 1999 gelten. Das in deutsch-ungarischer Koproduktion entstandene Drama mit Erika Marozsán, Joachim Król und Ben Becker ist im Budapest der Weltkriegszeit angesiedelt und knüpft ein fatales Beziehungsgeflecht zwischen einer Kellnerin, einem jüdischen Restaurantbesitzer, einem Pianisten und einem SS-Mann. Als roter Faden dient, was sonst, „Das Lied vom traurigen Sonntag“.

Passend zu diesem Themenstrang müssen die wie Tibor Fischer aus Ungarn stammende Autorin Johanna Adorján und ihr 2009 erschienener Roman Eine exklusive Liebe erwähnt werden. Darin schildert Adorján, wie ihre jüdischen Großeltern Vera und István den Holocaust überleben, während des Ungarischen Volksaufstandes nach Dänemark fliehen und 1991 schließlich – alt und krank geworden – gemeinsam in den Tod gehen. Nichts verbindet den Doppelsuizid mit den Sehnsüchten, die der „Szomorú Vasárnap“ geweckt haben soll. Stattdessen handelt es sich um Zuneigung und Unabhängigkeit in ihrer reinsten Form. Zwei Dinge, die den Magyaren selbst in der größten Negativblase heilig sind.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Kommentare

  1. Pingback: Der Tod des Sándor Márai

  2. Erst gestern entdeckte ich in der aktuellen Ausgabe der »New York Review of Books« einen Essay mit dem Titel »The Highest Suicide Rate in the World«. Darin findet sich die folgende Passage: »Wäre Nunavut, das teilautonome kanadische Territorium, in dem rund 28.000 einheimische Inuit leben, ein unabhängiges Land, hätte es die höchste Selbstmordrate der Welt. Die Selbstmordrate in Grönland, dessen Bevölkerung hauptsächlich Inuit sind, liegt bei 85 pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Litauen mit 32 pro 100.000. Die Rate von Nunavut liegt bei 100 pro 100.000, zehnmal höher als im restlichen Kanada und siebenmal höher als in den USA.« (https://www.nybooks.com/articles/2019/10/10/inuit-highest-suicide-rate/) Als Grund wird ein kulturelles, generationenübergreifendes Trauma angeführt, basierend auf einem »erzwungenen, schnellen und erschütternden Übergang zum modernen Leben«, kulminierend in genozidalen Aktionen der kanadischen Regierung an den First Nations in den 1950er und -60er Jahren und resultierend in einem veränderten emotionalen Verhalten der Inuit. Es wäre wohl verfehlt, zumindest jedoch wissenschaftlich unseriös, zöge man Vergleiche zum sicherlich traumatischen Auseinanderbrechen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie sowie der hohen Suizid-Rate Ungarns (25,4 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2012).

    • Überaus plastisch beschreibt Peter Høeg in seinem 1992 erschienenen Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ das Trauma der Inuit (und auch hier muss das Problem Alkohol erwähnt werden). Neben einer starken Heldin und einer für Nervenkitzel sorgenden Story bietet das Buch eine wahre Fundgrube für alle, die sich für die Geschichte Grönlands interessieren!

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