Der Tod des Sándor Márai

Heute vor 30 Jahren, am 21. (nach manchen Quellen 22.) Februar 1989, starb in San Diego in den Vereinigten Staaten Sándor Márai. Wie es sich für einen ordentlichen Ungarn gehört, durch die eigene Hand.

Den Namen des magyarischen Schriftstellers nicht gehört zu haben, kann inzwischen niemand mehr behaupten, der sich ein klein wenig für die Klassiker des geschriebenen Wortes interessiert. Und bei wem nun trotzdem ein Fragezeichen im Hirn aufploppt, der bekommt Márais Bedeutung vielleicht am ehesten mit einem Hinweis auf Thomas Mann zu fassen, denn der Ungar war nicht nur ein Zeitgenosse des Lübecker Literaturnobelpreisträgers, er war außerdem ein Bruder im Geiste.

Ein genauso aufmerksamer Chronist des europäischen Bürgertums, ein Kosmopolit, der ebenfalls ins kalifornische Exil flüchtete, und ein nicht minder begabter Erzähler und Stilist, dessen Texte ähnlich durchwoben von (Selbst-)Ironie und Politik sind. Während der eine im Zweiten Weltkrieg mithilfe der BBC die deutschen Hörer zum Widerstand bewegen wollte, schickte der andere durch den Äther von Radio Free Europe Botschaften an seine vom sowjetischen Totalitarismus unterdrückten Landsleute, als diese 1956 die Revolution probten.

Mit dem postum wiederveröffentlichten Roman Die Glut brach die Renaissance des Sándor Márai bei uns im Jahr 1998 an. Ursprünglich erschien das Buch 1942, und ich lege es allen ans Herz, die Geschichten über Neid und Verrat, über Liebe, Leidenschaft, Lügen und bittere, aber befreiende Wahrheiten mögen. Das Prosawerk, das sich überwiegend als Monolog präsentiert, ist elegant gebaut und nimmt uns mit in die untergegangene Donaumonarchie, wo ein Jagdausflug die Freundschaft zweier Männer bis in die Grundfesten erschüttert.

Ist die Treue nicht ein entsetzlicher Egoismus, und auch eitel, so wie die meisten Belange eines Menschenlebens? Wenn wir Treue fordern, wollen wir dann das Glück des anderen? Und wenn er in der subtilen Gefangenschaft der Treue nicht glücklich sein kann, lieben wir ihn dann wirklich, wenn wir trotzdem Treue von ihm fordern? Und wenn wir ihn nicht so lieben, dass er glücklich ist, dürfen wir dann irgend etwas von ihm verlangen, Treue oder sonst ein Opfer?

– Sándor Márai: Die Glut

Erschüttert wurde auch immer wieder Márais Halt in der Welt. Der Mann war rastlos und depressiv, liebte sein Ungarn über alles und musste sich doch von Vaterland und muttersprachlichem Umfeld trennen, was bei einem Autor dem Super-GAU entspricht.

Am 11. April 1900 im Königreich Ungarn in Kassa (als Košice jetzt zweitgrößte Stadt der Slowakei) geboren, wächst der Sohn einer Lehrerin und eines Juristen in aufgeräumten, traditionsbewussten Verhältnissen auf. Dann erfolgt – es wird nicht der letzte sein – ein drastischer Umbruch in seiner Biografie: die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, besser bekannt als Erster Weltkrieg. Kakanien zerfällt und den jungen Sándor Károly Henrik Grosschmid de Mára, der unter anderem deutsche Ahnen hat und sich 1939 offiziell in Sándor Márai umbenennen wird, zieht es für journalistische Studien ins Land der Dichter und Denker.

Statt die Hochschulausbildung in Leipzig, Frankfurt und Berlin abzuschließen, pendelt der ab 1923 mit der jüdischen Ungarin Lola Vermählte zwischen Bourgeoisie und Bohème, vagabundiert durch halb Europa, nagt in Paris am Hungertuch, betätigt sich als Feuilletonist, Reiseschriftsteller und literarischer Übersetzer, erkundet den Nahen Osten und strandet 1928 schließlich wieder in der alten Heimat, wo er unterdessen zum Star avanciert ist. Ab sofort verfasst er seine – umfangreicher werdenden – Erzeugnisse nur noch auf Ungarisch und bringt 1934 mit dem autobiografisch geprägten Roman Bekenntnisse eines Bürgers endlich die Finanzen ins Lot.

Ohne Rauschmittel ist das Leben sehr schwer zu ertragen, und Menschen, die ohne Hilfsmittel im Gleichgewicht zu bleiben verstehen, nötigen mir die größte Hochachtung ab, zugleich beobachte ich sie mit Misstrauen, mit einem fast erschrockenen Misstrauen; was mag ihr Geheimnis sein? Zweifellos gibt es auch „gesunde“ Menschen; aber nur sehr wenige.

– Sándor Márai: Bekenntnisse eines Bürgers

Leider ändern sich bald erneut die politischen Verhältnisse. Im Zweiten Weltkrieg ist Ungarn fest in faschistischer Hand. Lolas Vater und andere Familienmitglieder werden ermordet, die Eheleute Márai verstecken sich außerhalb ihrer Budapester Wohnung. In der Hauptstadt tobt derweil eine Kesselschlacht à la Stalingrad, der natürlich viel mehr als die 6000 Bände zählende Privatbibliothek des Paares zum Opfer fällt. Dieses hält sich jedoch nicht lang mit Kummer auf, sondern adoptiert – das einzige leibliche Kind starb 1939 als Neugeborenes – den kleinen Jungen János, der seine Eltern möglicherweise bei einem Bombenangriff verlor.

Nachdem Hammer und Sichel die Herrschaft im Land übernommen haben, werden dem bürgerlichen Literaten weitere Wurzeln, neben dem Budapester Domizil, gekappt; regimetreue Kritiker verreißen den Antikommunisten mit Genuss, kontinuierlich versiegen die Einkünfte. Obwohl Márai bloß in seiner Muttersprache schöpferisch tätig sein kann, fühlt er sich 1948 endgültig hinfortgeekelt und verbringt die zweite Hälfte seines Lebens abwechselnd im italienischen und amerikanischen Exil, ab 1957 gar als US-Staatsbürger. Nirgends kommt er aber richtig an, nicht nur in Sachen Geld bleibt er ein Getriebener.

Dessen ungeachtet bildet er trotzig seine eigene Sprachinsel und hört nie auf, auf Ungarisch zu publizieren, zum Beispiel bei dem Verleger István Vörösváry in Toronto oder zur Not im Selbstverlag. Die Themen, die er in unterschiedlichsten Textgattungen behandelt, sind so elementar wie „typisch ungarisch“: Sehnsucht und Sinnsuche, Treue und Betrug, Aufstieg und Fall diverser Regierungssysteme, Schicksal und Selbstbestimmung, Geist und Kapital, Vergänglichkeit.

Der Tod kommt nicht von draußen, er klingelt nicht, er schreibt keinen Brief, er ruft auch nicht an: Der Tod ist in uns, ganz und gar. Eines Tages finden wir ihn wie etwas, das man in der Tasche des Wintermantels vergessen hat.

– Sándor Márai: Tagebücher 4, 1968-1975

Mehr als 60 Jahre ist er mit Lola verheiratet, als sie in San Diego einem Krebsleiden erliegt. Kurz hintereinander entschlafen im fernen Ungarn die Schwester und die zwei Brüder Márais, dann stirbt überraschend der lediglich 46-jährige Adoptivsohn János. Márais Einsamkeit hat ihren Gipfelpunkt erreicht. Daran ändern auch die plötzlichen lukrativen Angebote aus Magyarország nichts, die ihm nichts bedeuten, solange dessen Volk nicht frei ist.

Die Trauer über den Verlust seiner engsten Angehörigen, der stete Gram über die Heimat, die verlorene Karriere, das hohe Alter, die eigene Krebserkrankung, die Depression: Sándor Márai spürt, dass es „Zeit ist“, wie er seinem Tagebuch anvertraut. Er hat sich das Schießen beibringen lassen und eine Pistole gekauft. Im Februar 1989 richtet er sie gegen sich.

Ohne es wissen zu können, wählte er den Freitod wenige Wochen, bevor der Eiserne Vorhang in Europa zu schmelzen begann – zuerst in Ungarn. Fast ein Jahrzehnt sollte es noch dauern, bis die nicht-ungarische Welt Notiz vom Abschied des vergessenen Schriftstellers nahm.

Kommentare

  1. Vielen Dank für das Näherbringen dieses faszinierenden Schriftstellers, der mit seinem »Bruder im Geiste« Thomas Mann ja auch die US-amerikanische Staatsangehörigkeit geteilt hat! (Apropos Thomas Mann: Als Sommerlektüre, die bei den derzeit herrschenden frühlingshaften Temperaturen auch vorgezogen werden kann, empfehle ich das Buch »Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer« von Magali Nieradka-Steiner, Theiss/WBG, 2018. Darin die Passage: »Marta Feuchtwanger nahm ihrem Ehemann [Lion] alle praktischen Dinge ab. Sie organisierte nicht nur, wer wann zu Besuch kommen durfte, sondern strukturierte auch seinen Alltag. Der Tag begann damit, dass sie ihn morgens im Dauerlauf dreißigmal ums Haus scheuchte, bevor er sein Frühstücksei bekam, ein Schauspiel, das Aldous Huxley amüsiert von seinem Haus aus mit dem Fernglas beobachtete.«) Doch zurück zu Márai: Allzuoft schlenderte ich in Antiquariaten an seinem Namen vorbei, ohne Kenntnis von seinem Leben und Werk zu haben, ein Mangel, den Dein Text nun behoben hat. Ich bin also bislang ebenso unwissend an Márai vorbeigegangen wie an Péter Esterházy. Dennoch habe ich einen ungarischen Giganten kennen- und liebengelernt: den 1954 geborenen László Krasznahorkai, dessen Romane »Satanstango« (als Fischer-Tb-Ausgabe, 2010) und »Melancholie des Widerstands« (ebenfalls Fischer-Tb, 2011) ich vor etwa fünf Jahren mit großem Genuß und positiver Verstörung verschlungen habe (oder sollte ich besser sagen: von denen ich verschlungen wurde?). Wenn ich seinen Stil charakterisieren sollte, so würde ich ihn als Melange aus Franz Kafka-Kaffee, Thomas Bernhard-Zucker und einer geschäumten Thomas Pynchon-Milchhaube bezeichnen. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, merke ich den brennenden Blick, der mich aus einem der schmalen Billy-Regale trifft. Er kommt von den noch ungelesenen vier Krasznahorkai-Büchern »Krieg und Krieg« (Ammann, 1999), »Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß« (Ammann, 2005), »Seibo auf Erden« (S. Fischer, 2010) sowie »Die Welt voran« (S. Fischer, 2015). Ich werde sie, nach dem ein oder anderen Márai (ich liebäugle mit »Die Glut«), aus ihrer Ungelesenheit befreien.

    • Kristy Husz

      Vielen Dank für die Sommerlektüre-Empfehlung. Mir scheint, diese Marta Feuchtwanger war eine patente Ehefrau… Aus ihrer Ungelesenheit muss auch ich etliche Ungarn befreien; bislang habe ich nur an der Oberfläche der kostbaren und köstlichen Literatur des Landes gekratzt.

  2. Addendum: Eine Rezension im »Economist«, die in der heutigen Print-Ausgabe unter dem Titel »Ghosts of Budapest« erschienen ist, machte mich soeben auf die ungarische Schriftstellerin Magda Szabó (1917-2007) aufmerksam, deren 1969 erschienener Roman »Katalin utca« nun nach 50 Jahren erstmals ins Englische übertragen wurde, und zwar »into supple, graceful English by Len Rix«. (https://www.economist.com/books-and-arts/2019/03/02/after-50-years-a-hungarian-novel-is-published-in-english). Vielleicht wäre Frau Szabó eine weitere Kandidatin, die man der Ungelesenheit entreißen muß, auch wenn (oder gerade weil?) besagter Roman als »Katharinenstraße« bereits zeitnah 1971 bei Insel auf Deutsch vorlag.

  3. Pingback: Die Schuhe am Donauufer

  4. Pingback: Das Lied vom traurigen Sonntag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.