Die Schuhe am Donauufer

Spaziert man in Budapest am unteren Donaukai entlang, und zwar auf der Seite des Stadtteils Pest, dann fällt einem circa 300 Meter südlich des Parlamentsgebäudes etwas auf. Lose stehen und liegen dort, zwischen Ketten- und Margaretenbrücke, etliche Schuhe am Ufer herum. Die meisten zeigen mit ihrer Spitze in Richtung Wasser, es sind insgesamt 60 Paar, und es handelt sich um die Fußbekleidung von Männern, von Frauen – und von kleinen Kindern.

Erst beim näheren Hinsehen bemerkt man, dass die aus Metall gefertigten Schuhe hier und da schon rosten. Und dass in ihnen Steinchen, Blumen und Kerzen und in den Kinderschuhen außerdem Süßigkeiten stecken. Unweigerlich beginnt man sich zu fragen, was aus den Menschen, die diese Schuhe trugen, geworden ist.

Sie sind tot. Ermordet.

Drei in den Boden eingelassene Tafeln verraten in ungarischer, englischer und hebräischer Sprache, dass diese Schuhe ein Mahnmal darstellen: „Im Gedenken an die Opfer, die 1944/45 von bewaffneten Pfeilkreuzlern in die Donau geschossen wurden, errichtet am 16. April 2005.“

Welch grauenvolle Bestie ist doch der Homo sapiens. Ich spüre, wie sich Tränen in meine Augen schleichen, als ich die Schuhe betrachte. Deutlich fühlbar hängt an jenem sommerlich sonnigen Herbsttag die Verzweiflung in der Luft. Die Verzweiflung, mit der einst an Stellen wie dieser Menschen – darunter 2600 bis 3600 Juden, darunter Männer, Frauen, Kinder – zitternd auf die Wogen der Donau blickten; oft zum Ausziehen von Schuhen und Kleidung gezwungen. Dann bellte jemand ein Kommando und zischten Kugeln durch die Luft und trieben Körper mit dem Wasser davon, färbten den breiten europäischen Strom rot.

Jeder einzelne Körper ein Schicksal, ein Bündel aus Erfahrungen, eine ausgelöschte Zukunft.

Es war der letzte Kriegswinter. Bitterkalt war es, und in der Metropole lieferten sich Nazis und Sowjets für 102 Tage eine erbitterte Kesselschlacht, die als „das Stalingrad an der Donau“ in die Geschichte eingehen sollte (noch heute erkennt man, neben denen des Aufstands von 1956, Einschüsse in den Häuserwänden). All die wunderschönen Donaubrücken wurden im Lauf dieser 102 Tage gesprengt. Währenddessen übernahmen die Pfeilkreuzler, Ungarns Faschisten und Antisemiten, gestützt auf deutsche Truppen die Macht und tobten sich unter der ghettoisierten jüdischen Bevölkerung aus.

Der Rest der Stadt schaute weg, rannte selbst um Leib und Leben – oder setzte sich vereinzelt dem Gemetzel entgegen. Es gab Zivilpersonen wie Otto Fleischmann, Károly Szabó und Rezső Kasztner, Polizeibeamte wie Pál Szalai oder die Diplomaten Carl Lutz, Raoul Wallenberg und Giorgio Perlasca, die zahlreiche Juden vor einer Hinrichtung retteten.

Fakt ist aber auch, dass im Zweiten Weltkrieg mehr als zwei Drittel der ungarischen Juden umkamen, genauer gesagt 565000 von 825000. Die Deportationen und Exekutionen fingen in der Provinz an, dann war, wie geschildert, die Hauptstadt dran. Und die Gegenwart ist alles andere als beruhigend: Raoul Wallenbergs Denkmal vor der Großen Synagoge in Budapest – es ist die größte Europas und die zweitgrößte der Welt – wurde 2012 geschändet. Bereits 2009 geschah dasselbe mit dem von Gyula Pauer und Can Togay geschaffenen Mahnmal am Fluss. Welche Meinung dazu wohl der momentane Chef des nebenan befindlichen Parlamentsgebäudes hat?

Als ich die Schuhe betrachte, schleichen sich Tränen in meine Augen. Um mich herum staksen Teenie-Mädchen in Hotpants und schießen gut gelaunt Selfies. Vielleicht ist das ja ihre Art, das Grauen zu verarbeiten…

Die Schuhe am Donauufer bilden eine Skulptur, die jedoch die meisten Menschen still und nachdenklich werden lässt. Und die ich wieder und wieder aufsuchen werde, wann immer ich in Budapest weile. Hier kann ich Herz und Verstand für ganz lange Zeit auftanken.

Nachahmung empfohlen.

Kommentar

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