Der „Wilde Markgraf“ kann auch nett sein

Stadtführung durch Gunzenhausen in historischem Gewand — Kleine Theaterszenen mit vielen Informationen

Altmühl-Bote vom 09.08.17

GUNZENHAUSEN – Durchlauchtigster Besuch beehrte am Wochenende Gunzenhausen: 260 Jahre nach seinem Tod am 3. August 1757 konnte man den „Wilden Markgrafen“ und seine Entourage bei einer szenischen Stadtführung erleben, die als locker-heiterer, aber immer informativer Bummel auf Spuren des Barockfürsten konzipiert war.

Der Wilde Markgraf mal ganz zahm.

Eine beachtliche Runde neugieriger Menschen – Einheimische wie Urlauber – hat Stadtführerin Elke Hartung am Brunnen vor dem Haus des Gastes um sich geschart. Ausgestattet mit viel Anschauungsmaterial, erzählt sie von Carl Wilhelm Friedrichs Jagdleidenschaft, die den Ansbacher Monarchen nach Gunzenhausen zog und den einst 30000 Quadratmeter umfassenden, bis zur Stephani-Schule reichenden Hofgarten mit Reitbahn, Hundezwingern, französischen Obstbäumen, Kräuterbeeten, Vogelvolieren und „Maushäuslein“ als Futterquelle seiner geschätzten Jagdfalken anlegen ließ.

Doch natürlich kam er auch der Liebe wegen an die Altmühl, oder genauer gesagt wegen seiner Beziehung zu Elisabeth Wünsch. Dass ihm die Bürgerstochter viel näher war als seine Angetraute Friederike Luise von Preußen, raunt den Zuhörern keine Geringere als Carl Wilhelm Friedrichs Magd Anna ins Ohr, die das Publikum zur Zeitreise ins ehemalige Jagdschlösschen einlädt. Voll geht Cornelia Röhl unter ihrer weißen Haube in der Rolle der markgräflichen Dienerin auf, die hinter vorgehaltener Hand aus dem höfischen Nähkästchen plaudert und den Gästen aus dem 21. Jahrhundert gleich noch ein paar Tipps für eine etwaige Begegnung mit dem Fürsten mitgibt.

Für die muss man sich allerdings etwas gedulden, denn Elke Hartung geleitet die sichtlich amüsierte Gruppe nun erst einmal zum Palais Zocha. Vor dem Gebäude am Blasturm, das damals als Gesandtenhaus genutzt wurde und heute Stadtmuseum und Tourist-Info beherbergt, wartet erneut Anna, die mit Kollegin Martha (Iris Bauer) und deren Enkelin Magda (Marina Eischer) über das Temperament des absolutistischen Herrschers, die Extrawürste für die „Madame Wünschin“ und die anstrengende Arbeit der Bediensteten tratscht.

Dann nimmt Elke Hartung ihre wissensdurstigen Führungsteilnehmer mit in die Brunnenstraße, wo sie neben der Stadtmauer über das einstige Jüdische Viertel und den Alltag der 27 jüdischen Familien referiert, die um 1750 vor Ort ansässig waren. Hier wäre zwischen den alten, sich ans Kopfsteinpflaster schmiegenden Fachwerkhäuschen die ideale Stelle, um einen Bänkelsänger zu platzieren, und prompt taucht wie aus dem Nichts Horst Hartung als Vertreter des fahrenden Volkes auf und trägt zu melancholischen Saitenklängen eine Moritat über den Regenten und seine Nebenresidenz Gunzenhausen vor.

Die evangelische Stadtkirche bildet die nächste Station des kurzweiligen Spaziergangs. Nachdem dort der Zutritt zur Fürstenloge in Augenschein genommen worden ist, ist im Inneren des Gotteshauses der große Moment gekommen: Ein edel gekleidetes Paar schreitet den Mittelgang herab, die Damen müssen knicksen und die Herren sich verbeugen, und „Serenissimus“ Carl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach (Hartmut Röhl) sowie Elisabeth Wünsch (Iris Bauer) stehen leibhaftig im Altarraum. Bedrückt unterhalten sie sich über ihr soeben in der Apsis beerdigtes gemeinsames Töchterlein Louise Charlotte, und der Markgraf sagt seiner Geliebten die Absicherung ihrer weiteren Kinder durch Erhebung in den Adelsstand derer zu Falkenhausen zu.

Was das nicht mehr existente Alte Rathaus, der Färberturm und das Palais Heydenab, wo jetzt die Gewerbebank untergebracht ist, miteinander zu tun haben, darüber berichtet die Stadtführerin fachkundig bei einem sich anschließenden Ausflug über den Marktplatz: Der Fürst fühlte sich beim Blick aus seinem Schloss, in dem die Stadtverwaltung inzwischen residiert, empfindlich gestört. Zumindest dann, wenn er zum Domizil seines Oberamtmanns und Obristfalkenmeisters Ernst von Heydenab gucken wollte, welches vom Rathaus verdeckt wurde. Also befahl er den Abriss des lästigen Bauwerks. Einzig dessen Glocke blieb der Nachwelt erhalten, weil sie im Färberturm ein neues Zuhause fand.

Unzählige erhellende und vergnügliche Anekdoten dieser Art haben Elke Hartung und ihr Team auf Lager. Doch nach 90 Minuten wird es noch einmal ernst – Carl Wilhelm Friedrich liegt auf dem Totenbett und der barock gewandete Stadtschreiber (Werner Mühlhäußer) schildert im Innenhof des heutigen Rathauses seine letzten Minuten. Danach stimmt der Bänkelsänger unter dem Sterbezimmer eine Ballade nachdenklichen Inhalts an: Von den insgesamt sieben Kindern des Fürsten überdauerten ihn fünf, Sohn Karl Alexander verkaufte sein Erbe später an Preußen, um nach England auszuwandern, und für Gunzenhausen endete mit dem Ableben des „Wilden Markgrafen“ das prestigeträchtige Intermezzo als Herrschersitz.

Langanhaltender Beifall und Bravorufe waren dem gelungenen Geschichtsrundgang mit dem Titel „Durchlaucht lassen bitten“ beschieden, dessen Skript die regelmäßig in Weißenburg auftretende Laienschauspielerin Cornelia Röhl in Zusammenarbeit mit Stadtführerin Elke Hartung und Stadtarchivar Werner Mühlhäußer verfasst hat. Gewissenhafte historische Recherche und ein Gespür für wirkungsvolle Szenen zeichneten die Tour aus – und eine begeisternde Hauptdarstellerin in Form der von Carl Wilhelm Friedrich geprägten Altmühlstadt.