Eintagsfliegenfandango

Guck sie dir an, all die Nachtfalter, die unrettbar das Scheinwerferbunt umflattern. Die sich, die Augen versiegelt, im Sog des Basses wiegen und bierberauscht von Tanzfigur zu Tanzfigur taumeln. Ein Schmetterling ist auch nur eine Motte im Ballkleid, sagtest du einmal, und wenn es für ihn wie für Cinderella Zeit wird zu gehen, zerfällt seine Hülle genauso zu Asche.

Schmet-ter-ling.

Lag deine Abneigung darin begründet, dass dir der Name des grazilen Insekts zu sperrig war? Sommervogel, Farfalla, Papillon, Mariposa, Fjäril, Pillangó, Borboleta, diese Bezeichnungen waren dir lieber. Aber was hilft es, wenn der Aberglaube die Schuppenflügler einst für Schmand stehlende Hexen hielt. Etymologie kümmert sich nicht um Schönheit. Butterfly – there you have it.

Zahllos streicheln mich ihre Schwingen im Tanzschuppenzwielicht, über dem Bartresen drückt mir jemand eine Flasche in die Hand. Mit Kohlensäurekribbeln am Gaumen gleite ich zurück in den Schwarm.

Die Herkunft der Worte hätte dich vielleicht erwärmen können, wenn du sorgfältiger geforscht hättest: Smetana, die tschechische Sahneschnitte, trifft auf ein nicht notwendigerweise negatives Suffix. Der Widerling entpuppt sich im Frühling als Liebling. Darling!

Lepidoptera also, partytrunken und so voller Erwartung, heute Nacht einen Teil ihrer Sterblichkeit zu verlieren, kreiseln über den Kacheln und saugen gierig an den Lautsprecherboxen. Der Boden pappt bittersüß, das Ross aus ranzigem Holz schmunzelt wie ein Honigkuchenpferd, der Deko-Ganesha vor dem Spiegel blinzelt ihnen zu. Sie alle wissen Bescheid. Sie werden seit Äonen Zeuge von Liebe, Leid und Feierglück. Mindestens jedoch seit zwei „Shiny Happy People“-Generationen.

Jemand hatte mir eine Rose hinter den Scheibenwischer geklemmt. Es warst nicht du.

Während die Schillernden wider die Endlichkeit antanzen, pustet der DJ im richtigen Augenblick eine Handvoll Vintage-Zauberstaub in die Luft. „If you’re going to San Francisco be sure to wear some flowers in your hair…“ Ich habe die anonyme Rose nicht dabei, aber Prinz Paris von Troja steckt mir rote Hibiskusblüten ins Haar, schiebt seine Erwählte behutsam im Ring herum, schmiegt sich verstohlen an meinen Leib.

Westcoast-Verheißungen. Mamas und Papas, Alleinerziehende, ein unplugged errichtetes „Hotel California“, in welchem die Geister der Vergangenheit spuken. Tanze ich, um mich an unsere Geschichte zu erinnern, oder tanze ich, um ihr Echo zu vergessen? Ich beschließe, nicht zu flennen, diesmal nicht, nimmermehr. Manchmal werden Bindehäute vom Dunst der Nebelmaschine gereizt, das weißt du doch.

Die Wahrheit macht irgendwann jedem den Prozess. Unser Vollstrecker hieß Prince. Immer, wenn sein Purpurregen über der Tanzfläche niederging, schlendertest du zielstrebig auf mich zu und wir zelebrierten den kitschigschönsten Stehblues auf Mutter Naturs Erdenrund. Wahrscheinlich bloß den kitschigschönsten, den diese Dorfdisco je gesehen hatte.

Ich fühlte mich nie unverwundbarer als in jenen Momenten. Du hieltest mich – und ich vertraute dir und bekam einen Lachkrampf nach dem anderen, wenn du deinen Kopf in Tangopose warfst und die Locken melodramatisch um uns herumfegten. Zwischen meinen Schulterblättern krochen deine Finger, abenteuerlustig; zwischen uns klebte der Schweiß, nach Hoffnung stinkend.

Er trocknete. Der Geruch hat uns überdauert.

In meinem Haar sind die Blumen verwelkt und der Mann, der mir diese Dornenkrone aufs Haupt gepflanzt hat, merkt es nicht und strahlt mich an. Offenkundig keine Ahnung hat er, von meinen Blessuren oder dass mich aus der Ferne hin und wieder ein Hauch von dir kitzelt wie ein Schmetterlingskuss.

Du wolltest mir nie wehtun. Sagtest du einmal. Dann opfertest du unsere Samstagabendfreundschaft auf dem Altar des Verrats und ließest mein Herz wie eine ausgehöhlte Frucht zurück. Ein Gehäuse, nackt, leergeschabt, schrumpelig. Du hast die Metamorphose deiner Larve erst vollzogen, als du mir bereits etwas bedeutet hast, und kokettierst längst mit der nächsten.

Getaktet mit der Musik drifte ich weiter. Treibgut im Strudel aus Artgenossen, die an ihren Trophäenkollektionen arbeiten. Ich richte mein Krönchen und lächle mein tänzelndes Gegenüber an und hefte dich zu den anderen leblosen Hülsen hinter Schaukastenglas.

Die Sammlung der Eintagsfliegen wächst.

Kommentare

  1. Manche längst verflossene Disconacht kommt einem bei diesen starken Zeilen der Schreib-Künstlerin wieder ins Bewusstsein. Lässt schon längst vergessene Gefühle wieder hochkommen und aufflammen sich wieder zurück versetzen in die Zeit dieser Eintagsfliegenfandango-Metamorphosen,.
    Ja, die hat man selbst so oft erlebt. Da kommen schöne und auch schmerzliche Erinnerungen hoch.
    Besser kann man sie nicht in Worte fassen…. und man kommt zum Nachdenken wie man verletzt hat und auch selbst verletzt wurde.
    Danke Kristy Husz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.