„Es gibt nichts, was nicht geht“ – Onkel Janosch zum 87. Geburtstag

Ein Held meiner Kindheit wird heute stolze 87: Janosch. Und obwohl es ihm am liebsten ist, wenn ihn keiner wahrnimmt, habe ich ihn über die Jahre hinweg nicht nur wahrgenommen, sondern immer mehr lieb gewonnen.

Aber wer machte nicht irgendwann Bekanntschaft mit seinen Kinderbuchhelden? Ob Tiger, Bär und Tigerente, das elektrische Rotkäppchen, der fliegende Onkel Popov, Günter Kastenfrosch, der Mäusesheriff, der Quasselkasper, Papa Löwe oder das kleine Schweinchen mit dem unbändigen Appetit auf Schlabberteig und Tomatenpampe – fast in jeder Jugenderinnerung dürfte mindestens eine dieser Figuren fest verankert sein.

Stundenlang blätterte ich mich früher durch Janoschs skurrile Zeichnungen und subversive Erzählungen, kicherte über das freche Aufklärungsbuch Mutter sag, wer macht die Kinder? und fieberte dem nächsten Ausstrahlungstermin der Zeichentrickserie Janoschs Traumstunde entgegen. Am besten gefiel mir allerdings Löwenzahn und Seidenpfote, diese weise Fabel von den zwei aus der Reihe tanzenden Mäusegeschwistern und deren Kindheitsabenteuern.

Mit dem Kauf von Sandstrand auf einem Flohmarktstand der Heimatbücherei entdeckte ich danach für ein paar Cent die unschätzbar reiche Welt seiner Erwachsenenbücher. Die Wahrhaftigkeit, die Geschichten wie Polski Blues oder Gastmahl auf Gomera ausstrahlen, ist schnörkellos und berührt tief. Janosch ist nämlich der Meister der schlichten Sätze.

Sätze, wie ich sie so zart und fragil sonst nur im Kleinen Prinzen und zuletzt in Der Schwimmer und Die Bücherdiebin lesen durfte. Kurze Sätze, die nie ein Wort zu viel und doch alles sagen. Die eine vor der grausamen Außenwelt mit Bedacht verborgene Saite meiner Seele in Schwingung versetzen, die eine tief in der Jugend vergrabene, unbewusst vermisste Gefühlsmischung aus Melancholie, Sehnsucht und Glück herbeizaubern.

Dann denke ich zum Beispiel an längst vergangene Sommer, als ich an der im schwülheißen Sonnenlicht gemächlich dahinströmenden Donau meinen Onkel besuchte – er trägt wie unser Jubilar einen buschigen Schnurrbart, hat ebenfalls im März Geburtstag, ist ein schweigsamer, etwas unergründlicher Zeitgenosse und heißt tatsächlich János.

Vor 87 Jahren im oberschlesischen Hindenburg (heute Zabrze, Polen) geboren, war dem Überlebenskünstler und späteren Genussmenschen Janosch keine so glückliche Kindheit beschieden. Aber bei aller Pein, die er durchzustehen hatte, lernte er früh, dass es nichts gibt, was nicht geht, und machte sich auf seinen Weg. Dogmen und Autoritäten sind ihm seit damals ein Gräuel.

Statt Heuchelei und falscher Hörigkeit setzt er lieber auf gesunden Menschenverstand, Respekt, Freundschaft, Nachbarschaftsengagement und die Kraft des Herzens. Zeigt uns in seinen Büchern ohne moralischen Zeigefinger den Sinn des Lebens und wählte für sich ein Leben in Freiheit, Bescheidenheit und innerer Zufriedenheit. Seine verschmitzten Gestalten sind, wie er selbst, sympathische Außenseiter und dickköpfige Freigeister, die wissen, was das Träumen bedeutet, die nie verlernt haben, die kleinen Dinge zu achten, mit so wenig wie möglich auszukommen, zu finden und nicht verzweifelt zu suchen.

„Man muß mit den geringsten Mitteln den größten Erfolg erzielen“, lehrte ihn einst ein Mann namens Morawetz an der Textilfachschule in Krefeld, und Janosch tat es. 1980 erklärten ihn die Ärzte, wie er vor einiger Zeit auch in einer Talkshow schilderte, in der ihm zusammen mit Dieter Hildebrandt ordentlich der Schalk im Nacken saß, für todkrank. Er ging heim, verbrannte alles überflüssige Hab und Gut im Garten, zog auf eine karge Insel im Atlantik und lebt seither das Leben, das er sich immer gewünscht hat.

Ich gönne es ihm sehr und wünsche ihm nichts weiter, als dass ihm dort in seiner alten Hängematte noch viele Sternstunden vergönnt sein mögen – denn von Geburtstagsgeschenken würde er wohl ohnehin nicht viel halten: „Ich brauche nichts. Ich habe alles, was ich brauche. Nämlich nichts.“

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