Ferris wheel

Das Riesenrad steht.

Jedes Jahr, wenn das Riesenrad steht, erfasst mich eine innere Unruhe. Dass ich in diesem Jahr überhaupt wieder aus dem Fenster auf das Riesenrad blicken kann, wie es da groß und weiß poliert wie eine riesige Radspeiche steht, denn die Gondeln fehlen noch, ist das unfassbarste Glück. Es bedeutet, dass ich wieder hier bin, wo ich hingehöre, wo ich Heimat empfinde.

Als Kind bin ich erst mit meinen Großeltern und später mit Freunden über die Kerwa geschlendert, habe mir den Magen mit Zuckerwatte und gebrannten Mandeln und gigantischen Brezeln vollgeschlagen, habe das von überallher mir zugesteckte Kerwa-Geld an den Losbuden investiert und die Menschen bewundert, die lachend in die blinkenden, bunten, dröhnenden Fahrgeschäfte gestiegen sind, die über unseren Köpfen rotierten und zuckten und abartigst sich verrenkten. Mitzufahren traute ich mich nie.

Aber das Riesenrad. Immer habe ich mich gefragt, ob dort wohl auch ich einsteigen könnte, denn es wirbelt nichts und die Aussicht auf die Silhouette der Altmühlstadt und die heimelige Landschaft ringsum muss atemberaubend sein. Dann habe ich mich aber doch nie getraut. Weil zu hoch und zu schnell und überhaupt, man kann nicht einfach raushüpfen, wenn es unerträglich wird, und das ist die schlimmste Angst dabei.

Mir reicht sein Anblick, um mich gut zu fühlen. Es strahlt Majestät und Würde aus, ein unverschämt großer Zirkel, der ein Rad der Freude schlägt, und wenn man es nachts mit Langzeitbelichtung fotografiert, ist es eine einzige leuchtende Diskusscheibe.

Mit einem Riesenrad bin ich schon gefahren, in London, weil es mittlerweile eines der London’schen Wahrzeichen ist und so unendlich langsam sich fortbewegt, dass sogar ich, mit einer beruhigenden Pille, die Fahrt wohlbehalten überstanden habe. Und ja, die Aussicht auf die Metropole, hinter der blutend die Sonne versank, war atemberaubend. „As long as I gaze on waterloo sunset, I am in paradise…“

Aber dieses Riesenrad ist mit dem Millenium Wheel nicht zu vergleichen. Es ist viel kleiner und quirliger, und wenn unten jemand einsteigen will, muss es oben anhalten, und ich will nicht ohne Seil und doppelten Boden in der Luft hängen, schon gar nicht in einer labilen Gondel.

„And the big wheel keep on turning neon burning up above / And I’m just high on the world“, singt Mark Knopfler in einem seiner besten Songs, und der Mann hat eigentlich nur beste Songs. Er hat das schönste Kirmeslied geschrieben, das ich kenne. Ein Junge irrlichtert über einen Rummelplatz, ziellos lässt er sich treiben von Lärm und Farben und der Verheißung von Spaß. Im Dunstkreis aus Geisterbahn, Autoscootern und unzähligen schreienden Gesichtern taucht ein Mädchen auf, eine einsame Jägerin wie er, und ihn erwischt’s heftig und vollkommen.

Sie verbringen die Nacht zusammen, sie lassen sich gemeinsam von der Rummelatmosphäre mitreißen, sie haben nur den Zauber dieser wenigen Stunden. Am Ende bekommt er eine Locke ihres Haars und einen Kuss geschenkt und sie verschwindet im selben Dunstkreis, aus dem sie gekommen ist. „She said you are the perfect stranger she said baby let’s keep it like this […] And in the roar of dust and diesel I stood and watched her walk away / I could have caught up with her easy enough but something must have made me stay“.

Er läuft ihr nicht nach.

Dieses Er-läuft-ihr-nicht-nach ist der stärkste Moment des Songs. Er könnte – aber er tut es nicht.

Stattdessen jagt er neuen Abenteuern hinterher, auf der Suche nach Ablenkungen, auf der Suche nach Vergessen. Was bleibt, ist die Erinnerung, denn die Magie der Gegenwart existierte durch die einzigartigen Kindheitserinnerungen der Vergangenheit, weil sich beides übereinanderlegte und ineinanderverschlang wie die Möbiusschleifen, die das Neonlicht der Fahrgeschäfte in die Nacht zeichnete.

Ein tosendes Gitarrensolo blendet dann in ein unermesslich zartes Klavierstück über, eine Melodie der verpassten Chancen und bittersüßen Momente und der Freude, wenn man sein eigenes Herz malträtiert und sich genau dabei richtig lebendig fühlt. Wie die Nachtigall, die ihre Brust singend in die Dornen eines Rosenstrauchs stößt, und je mehr sie jubiliert und leidet, desto roter sprießt aus dem Strauch eine Rose hervor. Ohne Opfer geht das Leben nicht vonstatten.

Blank wie Stoßzähne und Rippen auf einem Elefantenfriedhof ragen die Streben meines Riesenrads in den Himmel. Morgen wird es eröffnet, wenn die kleinen bunten Gondeln dranhängen. Ich werde über den Festplatz schlendern, den Kopf in den Nacken legen und an ihm hochlächeln.

Irgendwann – steige ich ein.

„And the big wheel keep on turning neon burning up above / And I’m just high on the world“.

Kommentare

  1. energyfoxie

    Bitteschön!!! Und danke ;-), denn nun habe ich den Song gefunden und fand ihn schon immer Klasse, aber nachdem ich nun weiß um was es in dem Lied geht, find ich ihn faszinierend!!! Wow!!! LG Andi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.