Flashback to the ’90s

Es gibt eine Zeit in jedem Leben, in der man bedingungslos glücklich ist, ohne es zu wissen. Erst in der Rückschau merken wir es.

In den Neunzigern hielt ich mich für todunglücklich, suchte mir Freundinnen, die sich für todunglücklich hielten, und hörte todunglückliche Musik. Wir fühlten uns ach so individuell mit unserem Kummer, dabei teilten wir ihn mit Millionen gewöhnlichen, unausstehlichen, schüchternen Teenagern vor und nach uns.

Dazu der erste Urlaub am Meer, das erste Live-Konzert, die ersten Plattenpartys und durchfeierten Nächte, die ersten zerschmetterten Schmetterlinge im Bauch, viele Tränen (manche der Freude), Scheidungen, Umzüge, Neuanfänge. Schwarze Klamotten, schwarze Gedanken, bekloppte Aktionen, in Holz und Haut geritzte Buchstaben. Verloren irgendwo zwischen Zickzackscheitel, Bauchfreitop und Plateausohlen, zwischen Leichenblässe, Modern-Talking-Reunion und dem Wunsch nach einem Nasenpiercing.

Nicht mehr richtig Kind, noch nicht richtig erwachsen. Wer war ich, und was wollte ich sein, und warum weiß ich das manchmal bis heute nicht?

Dann trifft man die Leute von damals zufällig wieder. Oder blättert einen verblassten Kalender auf, oder eine verrückte Flashbackplattenpartynacht reicht aus, um uns auf Knopfdruck zwanzig Jahre zurückzukatapultieren. Und man realisiert, wie großartig es damals war, in all dem selbstgewählten Unglück. Wie viel Spaß wir in Wirklichkeit hatten und wie sehr wir all das insgeheim vermissen.

Aber die folgenden 14 Songs (die Musikvideos nicht zu vergessen) vermögen jene Wehmut viel schöner auszudrücken, als ich es je könnte – also Vorhang auf für eine kleine Zeitreise:

#1 – Heather Nova: „Walk This World“

„And I think that I could love you ’cause you know how to be free“
Eine junge, aparte, blonde Sirene von den Bahamas spricht zu ihrem Reisepartner und zugleich zu uns Kindern der Neunziger. Wir spüren mit jeder einzelnen Silbe, dass ein Trip um die Welt die ungezähmteste Form von Freiheit ist. Dabei gilt: Der Weg ist das Ziel und ankommen beziehungsweise altern werden wir später.

#2 – Goo Goo Dolls: „Iris“

„Yeah you bleed just to know you’re alive“
Ach, geliebter Stadt der Engel-Soundtrack… Der Himmel über Berlin und Los Angeles wirkt weit, zu Hause ist er erdrückend und trist. Und dann bist du auch noch heimlich in diesen einen Jungen verknallt, der nicht einmal ahnt, dass du existierst. Wenn er dich doch bloß in deiner Einzigartigkeit wahrnehmen würde – doch die Realität ist kein Film und die Goo Goo Dolls wissen das.

#3 – The Walkabouts: „The Light Will Stay On“

„The strange things we never forget“
Musik aus Seattle, aber kein Grunge. Stattdessen einer dieser Geheimtipps, die man sich nie mit allzu vielen anderen wird teilen müssen (ganz zu schweigen von dem göttlichen Band-Nebenprojekt Chris & Carla). Und ein Lied, das tröstet wie ein akustisches Kinderzimmer-Steckdosenlicht und die Dämonen der Finsternis schon mit den ersten Takten lässig wegphasert.

#4 – Natalie Imbruglia: „Torn“

„Illusion never changed into something real“
Das nett aussehende Mädchen von nebenan, mit kurzem Haar und Nineties-Baggy-Pants, erzählt davon, zerfetzt am Boden zu liegen – alle Seifenblasen geplatzt, alle Träume vernichtet. In jeder Jugend gibt es dieses Gefühl mindestens einmal, und Miss Imbruglia verleiht dem Schmerz eine authentische Stimme.

#5 – The Wallflowers: „One Headlight“

„She died easy of a broken heart disease“
Und weiter geht’s im Club der gebrochenen Herzen. Jakob Dylan, der unverschämt blauäugige Junior von Altmeister Bob, und seine Kumpels präsentieren anno 1996 eine Powerballade über die Niederlagen der Liebe und des Lebens. Und darüber, dass man den Karren immer aus dem Dreck lenken kann, selbst wenn nurmehr einer seiner Scheinwerfer funktioniert.

#6 – Alanis Morissette: „Ironic“

„It’s meeting the man of my dreams and then meeting his beautiful wife“
Aus dem Nichts taucht in den Charts der wohlklingende Name dieses Fräuleinwunders aus Kanada auf, das manche als meine braunäugige Doppelgängerin bezeichnen. Ich habe nichts dagegen, denn die Dame schreibt sich alles, was sie wütend und traurig macht, aufrichtig von der Seele und liefert mit „Ironic“ en passant einen unsterblichen Ohrwurm ab.

#7 – Counting Crows: „Mr. Jones“

„Yeah, everybody wants to pass as cats“
Was für eine verrückte Nummer. Zwei Kerle philosphieren an der Bar über Frauen, Schönheit, Ruhm und Einsamkeit; Bob Dylans „Thin Man“ trifft auf Picasso trifft auf Farbsymbolik trifft auf Katzen; und dazwischen tanzt tatsächlich jemand Flamenco, „sha, la, la, la, la, la, la“! Yep, das ist der perfekte Einstieg in alkoholgetränkte, melancholische, lebensverändernde Tresennächte.

#8 – Joan Osborne: „One Of Us“

„What would you ask if you had just one question?“
„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“, würde Goethes Faust sagen. Macht allerdings gar nichts. Weil dieses musikalische Glaubensbekenntnis nebenbei unser ellenbogengesellschaftliches Miteinander beleuchtet. Und die richtigen Fragen stellt. Und lehrt, dass Fragen manchmal wichtiger sind als Antworten.

#9 – Soul Asylum: „Misery“

„All you suicide kings and you drama queens“
In Soul Asylums „Runaway Train“ sitzen vermisste Kinder und Jugendliche, von denen der Song einige – leider nicht alle – wohlbehalten zurück nach Hause bringen wird. „Mysery“ hingegen ist die Hymne all derer, die aus eigenem Verschulden gescheitert und frustriert sind. Wer sich in der Pubertät, mit einem Augenzwinkern, in Selbstmitleid suhlen will, findet hier seine Heimat.

#10 – Nirvana: „The Man Who Sold The World“

„I must have died alone a long, long time ago“
Eines der gelungensten Bowie-Cover, die je mitgeschnitten wurden. Unplugged, das Cello würdig eines Udo Lindenberg, und Kurt legt in jede einzelne Note seine Nachdenklichkeit. Fünf Monate später ist er tot und dieses Lied – und nicht die Grunge-Schreiorgien – wird für mich zu seinem Vermächtnis.

#11 – No Doubt: „Don’t Speak“

„Hush, hush don’t tell me ’cause it hurts“
Ein Track, dem man nirgends entrinnen kann. Während die Sängerin auf jedem Sender von Deutschland bis Ungarn ihre missglückte Beziehung zum Bandbassisten aufarbeitet, schlurfe ich durch meinen Adoleszentenalltag und genieße nichtsahnend das letzte Jahrzehnt, das nicht Smartphones, Streamingdiensten und Social Media gehört. Sondern handfesten, handgemachten, ehrlichen Tracks.

#12 – Garbage: „Only Happy When It Rains“

„I only listen to the sad, sad songs“
Oh, Shirley Manson. Mein rothaariges, netzstrümpfiges, latent psychopathisches Schottland-Nachtschattengewächs. Meine allererste Beauty-Ikone, deretwegen ich monatelang nicht ein Fünkchen Sonne an meine Haut lasse. Meine treue Verbündete gegen unnützes Radiomoderatorengesabbel, wenn tatsächlich für einen Tag Regen (wie furchtbar) angekündigt ist. You still rock, Garbage girl!

#13 – Savage Garden: „To The Moon And Back“

„She can’t remember a time when she felt needed“
Teenies der Nineties hören natürlich nicht nur Alternative-Mucke. Nein, auch kitschig-schöne Popsongs wie „To The Moon And Back“. Der zitiert, ob zufällig oder nicht, Sam McBratneys Kinderbuchklassiker Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? („Bis zum Mond und zurück“, versichern sich der große und der kleine Hase) und lädt zum Augenzuklappen und Wegbeamen ein…

#14 – The Smashing Pumpkins: „Tonight, Tonight“

„You can never ever leave without leaving a piece of youth“
Das orchestrale Sahnehäubchen meiner Jugend. Läuft auf MTV in Endlosschleife und gehört zum Originellsten, was das Musikfernsehen hervorgebracht hat. Außerdem bittersüß und damit der ideale Schlussakkord unter dieser Liederparade aus einer Epoche, in der Lieder noch wirklich viel bedeuteten.

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