Freddie lives forever

Budapest, Népstadion, 27. Juli 1986. Hinter dem Eisernen Vorhang ist eins der ersten Bombastkonzerte einer westlichen Rockband zu erleben. Die „Hungarian Rhapsody“ von Queen gerät zur Volkszählung biblischen Ausmaßes: Bis aus den entlegensten Provinzen pilgern die musik- und freiheitshungrigen Leute in die Hauptstadt. Darunter ein Mann und eine Frau aus demselben Ort nahe der jugoslawischen Grenze, beide zufällig gleich alt und im Lauf der Zeit zufällig gleich zweimal miteinander verschwägert. Bis heute leuchten die Augen meiner Verwandten, wenn sie von jener Nacht erzählen, in der die Drama-Queen Freddie Mercury mit Krone und Hermelinmantel über die Bühne stolzierte und dem Menschenmeer unter sich ein ungarisches Volkslied trällerte – die Lyrics hatte sich der Sänger auf die Handinnenfläche gekritzelt.

Das Népstadion ist nicht mehr. Freddie, der bei einer Bootfahrt auf der Donau mit breitem Grinsen vom Kauf des Parlaments träumte, bekanntlich ebenso wenig.

Deshalb stehen mein Vater und ich – unwissentlich genau 16 Jahre nach Freddies Gastspiel in Budapest – am 27. Juli 2002 in der Kommandozentrale des Vereinigten Königreichs und verewigen uns auf einer schlichten moosgrünen Tür. Links und rechts Backsteinmauer, dahinter ein Anwesen, das aufgrund der Wuchervegetation eher zu erahnen denn zu erblicken ist. Ein britisches Mütterchen, unterm Rentnerbeige so gar nicht wie eine Eingeweihte wirkend, hatte uns etwas hilflos herumtrottenden Touristen den Weg gewiesen: „Excuse me, can I help you?“ Hier, in dem Anwesen Garden Lodge im West-Londoner Stadtteil Kensington, starb am 24. November 1991 Farrokh Bulsara, berühmt geworden unter seinem Künstlernamen Freddie Mercury. Berühmt geworden als Stimmwunder mit Überbiss, Schwulengalionsfigur, Schnauzerträger, Katzenfan, pathetische Rampensau, parsischer Migrantensohn, prominentes Aids-Opfer.

Queen-verrückte Sippe

Dass diese Biografie irgendwann einmal über Kinoleinwände flimmern würde, war bloß eine Frage des passenden Hauptdarstellers. Denn wenn man die Vita von Johnny Cash, Jim Morrison, Ray Charles, Bob Dylan oder demnächst Elton John zwischen die Deckel eines Drehbuchs quetschen kann, warum dann nicht auch die von Freddie Mercury? The show must schließlich go on. Klar, dass sich Teile meiner Queen-verrückten Sippe und ich folglich mal wieder in einer Queen-Oper wiederfinden – wer einst die elterliche Kreditkarte benutzen durfte, um sich in England ein Queen-Sonderheft zu bestellen, wer sich im Münchner Planetarium zweimal von der Lasershow Queen Heaven flashen ließ und im Stuttgarter Apollo Theater vom Musical We Will Rock You gerockt wurde, der darf das Biopic Bohemian Rhapsody nun natürlich nicht versäumen.

Queen war die Godmother aller ikonischen Bombastkonzerte. Ob im Ostblock, in Rio de Janeiro oder im heimischen Wembley-Stadion. Logischerweise beginnt und beendet Regisseur Bryan Singer seinen filmischen Songreigen demnach mit dem Gig, der von vielen noch immer als der großartigste aller Zeiten gehandelt wird: der 20-minütige Live-Aid-Auftritt im Sommer 1985. Kurz vor meinem zweiten Geburtstag haute diese Performance so ziemlich jeden aus den Latschen, der die Windelrockerphase hinter sich hatte. Das Spektakel überbot nach Auskunft der BBC sogar etwas so Geschichtsträchtiges wie Jimi Hendrix’ Gitarrensalven in Woodstock oder die kostenlose Darbietung der Rolling Stones anno 1969 im Hyde Park.

Mehr als 70.000 Begeisterte, die sich synchron „Ga Ga“ klatschten und good ol’ Wembley in ein gigantomanisches „We are the champions and will rock you“-Format stampften… was sollte danach noch kommen? Eigentlich recht viel, aber der Streifen spart das aus und konzentriert sich lieber auf die Jahre von der Bandgründung bis zur Live-Aid-Legendenbildung: Der zarte Freddie – hinreißend verkörpert von Rami Malek – trifft die Gruppe Smile und deren Mitglieder Brian May und Roger Taylor, ein gewisser John Deacon stößt dazu, und ab geht die „Killer Queen“-Glamsause rund um den exzentrischen, doch wie so viele Künstler mit extra-verletzlichem Kern ausgestatteten Frontmann aus Sansibar.

Opalisierende Haut

Glücklicherweise wanderte der Hauptrollenpokal am ursprünglich gesetzten Sacha Baron Cohen vorüber. Unweigerlich hätte sonst dessen Alter Ego Borat die Story gekapert und uns dauernd hinter Mercurys schwarzem Pornobalken angegrient. Statt Mankini-Farce sehen wir also das unverbrauchte Gesicht Rami Maleks. Oscarverdächtig wächst der vom schmalen, schüchternen, als „Paki“ verspotteten Bubi Farrokh zum „larger than life“-Geschöpf Freddie Mercury heran. Irgendwann vergisst man, dass man einen Schauspieler anstelle eines Sängers beim Arbeiten beobachtet, so perfekt bewegt er die Lippen zu echten Queen-Aufnahmen und zur Stimme des Imitators Marc Martel, so geschmeidig schlüpft er in die opalisierende Haut des Originals. Dasselbe gilt für Ben Hardy als Roger Taylor, Joseph Mazzello als John Deacon und insbesondere Gwilym Lee als Brian May – der gelockte Gitarrist von Gottes Gnaden, unaufgeregte Chef-Intellektuelle der Band und Astrophysiker scheint sich wie in seinem Song „’39“ durch ein Wurmloch in die Vergangenheit und in jüngerer Version leibhaftig in den Film gebeamt zu haben.

Für mehr als zwei Stunden stehen vor allem die gemeinsamen Erfolge dieser Rockcombo aus Außenseitern im Mittelpunkt: der unter der Beteiligung von Hühnern ausgebrütete Albumklassiker A Night At The Opera, der Triumph der Innovationskraft über den biederen EMI-Produzenten Ray Foster (ungewohnt ohne Blödeleien: Mike Myers), die Entstehung der hypnotischen Bassline von „Another One Bites The Dust“, die mit Schmackes auf Netzhaut und Trommelfell gewuchteten Bühnensternstunden. Durch die Kamera von Newton Thomas Sigel ist das Feeling der Seventies und Eighties elektrisierend, die Chronologie der Ereignisse hat für das von Brian May und Roger Taylor mitproduzierte Drama dabei nicht immer oberste Priorität. Aber für diesen Zweck guckt man auch Dokumentationen und keine Unterhaltungswerke.

Ein zweiter, von vielen Kritikern arg gescholtener Erzählstrang widmet sich dem Menschen Mercury. Der konnte, sehr sympathisch, gerne und oft über sich lachen. In seinem Privatleben begegnen wir der sonnendurchfluteten Biba-Verkäuferin Mary Austin (Lucy Boynton), die Freddie nach Auflösung der Verlobung als wahrhaftige Freundin erhalten bleibt, sowie dem bodenständigen Kellner Jim Hutton (Aaron McCusker), der später zum letzten Partner wird. Am anderen Rand des Spektrums lauert der zum Schurken stilisierte Manager Paul Prenter (mit zustechenden Augen: Allen Leech), der Freddie ganz für sich haben will und nach und nach jeden in dessen Umfeld wegbeißt. Und als Sahnehäubchen gibt es Partys, Promiskuität und Psychostimulanzien in der Schwulenszene Münchens, wo Freddie in den frühen Achtzigern seine – eher verschämt gezeichnete – Wahlheimat findet.

Musikalische Hagiografie

Ähnlich wie der exaltierte Münchner Modezar Rudolph Moshammer machte Mercury um seine sexuelle Orientierung allerdings nie ein Gerede. Daher passen sie durchaus ins Bild, die verstohlenen Blicke, die heimlichen Küsse, die Kluft zwischen den Geborgenheit spendenden Kreativkumpels und den im fernen Bayern ohne Klatschpresse stillbaren Bedürfnissen jenseits der schönen heilen Hetero-Welt. Dass jedoch in einem 134-minütigen Film, der hauptsächlich musikalische Hagiografie und familientaugliche Hommage sein will, all die feineren Nuancen nicht ausgelotet werden können, versteht sich eigentlich von selbst.

Es ist ein bisschen wie mit dem Ausflug nach London im Juli 2002. Es herrschte glühende Hitze statt englischen Wetters, die Zeit war knapp bemessen, das Attraktionsangebot gar so vielfältig, ein tieferes Eintauchen in das Geschichtensammelbecken an der Themse schier unmöglich. Neben vielem anderen besuchten wir repräsentativ für unsere Queen-Leidenschaft eben die Garten Lodge, brachten aus dem Duty-free-Shop in Heathrow die mit sämtlichen Hits vollgepackte Platinum Collection mit – und außerdem Party At The Palace, die DVD zum noch kurz vorher auf RTL2 verfolgten Goldenen Thronjubiläum von Elisabeth II. Dort spielte zur Eröffnung Brian May von Queen auf dem Palastdach der Queen „God Save The Queen“. Dies war das kleine Live Aid meiner Generation, mehr Queen ging nicht (mehr).

Außer vielleicht in Bohemian Rhapsody. Am Schluss ist hier das echte Quartett zu bestaunen und ich sitze gänsehäutig im Kinosessel. Der Mann aus dem Abspann ist tot und – nicht nur für mich – quicklebendig. Was mich prompt an eine weitere markante John-Deacon-Bassline erinnert, nämlich die von „Under Pressure“. Ende Oktober 2003 sang David Bowie in Freddie Mercurys alter Wahlheimat Minga dieses Lied. Den Duettpart des Verstorbenen übernahm Bowies Bassistin Gail Ann Dorsey; Bowie selbst war vergnügt, wünschte dem Publikum unaufhörlich „Happy Christmas!“, witzelte über die Schuhe seiner Kollegin, die Mercury gefallen hätten – und stellte schließlich fest: „Freddie is listening.“

Inzwischen sind mein Champion und mein Heroe wiedervereint. Und beide nicht wirklich gestorben. Mögen sie den Himmel rocken und sich da oben königlich amüsieren, „daaay-oh!“

Bohemian Rhapsody
Regie: Bryan Singer, Dexter Fletcher (nicht aufgeführt)
134 min, UK/USA 2018

Kommentare

  1. Ein wunderbar leidenschaftlicher Augen- und Ohrenzeugenbericht in der grandiosen Kategorie »Reviewlution« (Chapeau zu diesem Portmanteau, oder frei nach den Beatles: »You say you want a reviewlution / Well, you know / We all want to change the words«)! Von Budapest über London nach – Los Angeles, wo Rami Malek am Sonntag den Oscar als Bester Hauptdarsteller erhielt, und wie ich vermute völlig zu recht (Du selbst bezeichnest seine Freddie-Darstellung ja weitsichtig als »[o]scarverdächtig«), denn ich habe den Film noch nicht gesehen. Was den ebenfalls von Dir erwähnten Marc Martel betrifft: Ein Text bei »Open Culture« machte mich heute Vormittag auf dessen Interpretation von »Bohemian Rhapsody« aufmerksam, der ich staunend zuhörte (https://www.youtube.com/watch?v=QkCxE2Lh458). Freddie lives wahrlich forever, und eine neue Generation (Martel ist Jahrgang 1976) hält seine Stimme lebendig.

    • Kristy Husz

      Wow. Gäbe es einen „Academy Award for Best Voice“, hätte Marc Martel (der als Freddie-Imitator auch in puncto Mimik und Klavierspiel eine gute Figur macht) definitiv zu Rami Malek auf die Bühne gebeten werden müssen.

Schreibe einen Kommentar zu Michael J. Lieb Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.