Lest! Mehr! Keyserling!

„Die erste Generation verdient das Geld, die zweite verwaltet das Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt vollends.“ Diesem Ausspruch Otto von Bismarcks begegnet man gerne mal im Untergangsdunst von Thomas Manns Buddenbrooks. Das Bonmot erklärt jedoch nicht nur in wenigen Worten den Verfall der Lübecker Kaufmannsfamilie. Es passt außerdem hervorragend zur Vita einer baltischen Adelsfeder: und zwar derjenigen Eduard Graf von Keyserlings.

In Saal 17 der Neuen Pinakothek München hängt ein Porträt dieses Schreiberlings. Das Exponat mit der Inventarnummer 8986 zieht den Betrachter unweigerlich in Bann. Wer war der etwas blasiert blickende, glupschäugige, magere Kerl, den Lovis Corinth da in groben Strichen auf die Leinwand gepinselt hat? Welchen Lebenswandel pflegte er um die Jahrhundertwende herum, als das Bild entstand? Kann es sein, dass wir ihn gemäß Bismarck irgendwo zwischen der dritten und vierten Generation verorten dürfen? Und da wir in Bayern gerade im Wahlkampf-Endspurt sind: „Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?“ Oder, analog zum Sujet: Würdest du von diesem Autor ein Buch lesen? (Spoiler: Du solltest es unbedingt!)

»Eduard Graf von Keyserling« von Lovis Corinth, lizenziert unter CC-BY-SA 4.0.

Keyserling starb, unverheiratet und kinderlos, am 28. September 1918; sein Nachlass wurde auf eigenen Wunsch vernichtet. Seit jenem Tag vor ziemlich genau einhundert Jahren wird der Schriftsteller regelmäßig wiederentdeckt. Und wieder vergessen. Und wiederentdeckt, zuletzt zum Beispiel 2004 durch die Verfilmung seiner Wellen. Dauernd preisen Zunftkollegen, Journalisten und Literaturwissenschaftler – so auch hier – sein Schaffen. Es ist zu wünschen, dass ihm endlich mal ein dauerhafter Einstieg in den Kanon glücken möge.

Aktuell stehen die Uhren abermals auf Keyserling-Revival. Gerade sind seine Erzählungen bei Manesse neu herausgegeben worden. Bernd Noack bespricht sie in den Nürnberger Nachrichten vom 26. September enthusiastisch. Und mit Keyserlings Geheimnis legte Klaus Modick im Frühling in bester „Biopic“-Manier einen Roman über den Décadence-Dichter vor, in dem Fakt und Fiktion verschwimmen wie auf einem impressionistischen Seerosengemälde.

Hinter dem Buchcover mit dem Jugendstil-Touch landen wir mitten im Sommer anno 1901. Oscar Wilde liegt seit einem halben Jahr unter der Erde; letzter legitimer Literaturdandy dieser Epoche ist jetzt wohl der fast gleichaltrige Keyserling. 46 Lenze zählt er, flaniert mit dem Spazierstock durch Schwabing, genießt den Lifestyle der Münchner Bohème, sinniert über künftige Werke und wortwitzelt mit possierlichem baltendeutschen Dialekt: „Wer alles Unjesunde mäiden will, kann das nur im Jrabe. Läben is’ ieberhaupt unjesund“. Er trifft seine Künstlerfreunde – etwa den Dramatiker Frank Wedekind – und macht mit ihnen Urlaub am Starnberger See. Dort wird er Edchen genannt und sitzt dem Maler Lovis Corinth Porträt.

Nebenbei doktert Edchen erfolglos an Syphilis-Symptomen herum und ärgert sich darüber, keine Tuberkulose zu haben. Die ist damals nämlich durchaus hip, mit der darf man auf den Zauberberg fahren und mit anderen Schwindsüchtigen vornehm blass ins Taschentuch auswerfen. Die Syphilis hingegen ist ein Stigma, zeugt sie ja von moralischer Schwäche, davon, dass man sich nicht im Griff und es mit Angehörigen niederer Stände getrieben hat.

Ein Merkmal des Siechtums sind rote Hautflecken, welche Keyserling mit Talkum abzupudern versucht. Schleichende Erblindung ist ein weiteres Zeichen, und tatsächlich wird er bald keine Bücher mehr schreiben können, sondern sie bloß noch seinen Schwestern, die mit ihm aus dem Baltikum nach Bavaria eingewandert sind, diktieren. Nicht allein wegen der Krankheit empfindet sich Keyserling zeitlebens als hässlich. Schon als Kind und Jüngling teilt man ihm mit, dass er eine Beleidigung fürs Auge sei. Wie einsam muss so jemand innerlich sein?

Er öffnet einen Fensterflügel, lässt den Duft der Sommernacht ins Zimmer schweben und verharrt im Mondschein wie unter einer Dusche, die Wedekinds Beleidigung wegspült. Dass er keine Schönheit ist, weiß er selbst besser als jeder andere, aber die ordinäre Brutalität, mit der Wedekind ihn verbal geohrfeigt hat, kränkt ihn dennoch.

– Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis

Später bezirzt er zwar die schönsten Damen, doch nicht mit seiner Optik. Nein, mit dem Adelstitel und dem damit assoziierten Wohlstand (ein Trugschluss, denn Keyserling leidet chronisch unter Spielschulden), mit Charme, Esprit und der „noblen Edelfäule“, die diesen waschechten Décadent umgibt. Im Münchner Intellektuellenmilieu schätzt man ihn als talentierten Literaten und geistreichen Gesprächspartner, als Trinkbruder und Mitzocker beim abendlichen Kartenspiel.

Aber Obacht: Ein routinierter Spieler wie Keyserling lässt sich niemals in die Karten schauen. Dieser Dandy hat ein Geheimnis, verrät uns Modick, und das Geheimnis hat mit einer Frau in der Heimat zu tun. Beim Jurastudium in Dorpat (heute Tartu in Estland) wurde er vor 23 Jahren in einen Skandal verwickelt. Er flüchtete nach Wien und ist seither in Adelskreisen geächtet.

In Rückblenden wird die geheimgehaltene Geschichte nach und nach entblättert wie die Evastöchter im Roman. Erst reist der Leser ins lasterhafte kakanische Wien, wo die Syphilis lauert, dann noch eine Etappe zurück zum elterlichen Schloss in Kurland. Das ist in jenen Tagen Teil des Russischen Reichs, Keyserling demnach russischer Staatsbürger, und wird vom deutsch-baltischen Adel autonom verwaltet. Die dortigen Vorkommnisse rings um die katzenäugige Ada von Cray, eine Art baltische Clawdia Chauchat, holen den Dichter allerdings ein, als er in der Sommerfrische mit Frank Wedekind ein Konzert besucht: Der Auftritt des Musikduos – eine Chanteuse und ihr Pianist – ruft bestimmte Erinnerungen wach; Keyserling dämmert etwas…

Klingt irgendwann leicht konstruiert? Ist es auch, und Modick weiß es selbst, wenn man der allerletzten Seite glauben darf. Das Buch befriedigt die Erwartung und Neugier, die es über gut 200 Seiten aufbaut, nicht so ganz. Ist es die plötzlich sehr rasche Aufdröselung des Geduldspiels, die mau wirkt, oder das grob an den Spannungsbogen gezimmerte Ende? Ein bisschen von beidem.

Trotzdem: Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren und Schöpfer eines umfangreichen Œu­v­res (darunter das ähnlich komponierte Konzert ohne Dichter über Rainer Maria Rilke), macht die zarte Enttäuschung, die sich auf das Schlusskapitel legt, auf andere Weise wett. Nämlich durch Unterhaltsamkeit gepaart mit Tiefgang. Durch kleine ironische Fingerzeige auf Theodor Fontane oder Thomas Mann. Und durch die Nachahmung von Keyserlings Stil.

Das ist einerseits ein ziemlich geniales Kunststück, weil der alte Balte ein Meister der Atmosphäre, des versunkenen Gestern, der quicklebendigen impressionistischen Naturbeschreibung vor dem Hintergrund verkrusteter gesellschaftlicher Strukturen war. Handlung gab es bei ihm wenig, Aufbruch fand in Gedanken statt – und somit vergeblich. Modick trifft diesen Ton famos.

Leise vor sich hin singend bummeln Hummeln durch die Vormittagssonne, hängen ihre Samtleiber an die Rosenblüten und die Glocken des Benediktenkrauts im verwilderten Rasen. Zwischen Stockrosen, Astern und Malven lehnt der Sommer lässig am Gartenzaun und sieht den Schwalben zu, die ihre schnellen Schriftzüge in den Himmel kritzeln.

– Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis

Andererseits ist der Autor ziemlich dreist, weil er seine Hauptfigur beklaut, was das Zeug hält – teils sogar um wortwörtliche Passagen. Ist beispielsweise Keyserlings Maler Hans Grill in Wellen davon besessen, das „Durchschnittsgesicht“ des Meeres auf Leinwand zu bannen, so liest sich das bei Modicks Maler Lovis Corinth und dem Starnberger See verdächtig identisch… Natürlich muss man das Original gut verinnerlicht, etwa eine Magisterarbeit darüber verfasst haben (hüstel), um das „Plagiat“ zu entdecken. Es ist eine Stärke von Modicks Roman, dass er ohne Kenntnis einer einzigen Keyserling-Zeile ebenfalls funktioniert – nur bringt die Lektüre dann möglicherweise nicht halb so viel Genuss.

Paradoxerweise macht das gelungene Buch damit summa summarum nicht so sehr Lust auf mehr Modick. Sondern auf viel mehr Keyserling. Kauf dir einen x-beliebigen seiner Titel, sie sind alle großartig, und hilf mit, den wunderschönen hässlichen Grafen nie wieder in Vergessenheit geraten zu lassen. Danke!

Keyserlings Geheimnis
Autor: Klaus Modick
240 Seiten, Kiepenheuer & Witsch 2018

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