Männer mit Waschbrettbäuchen: Ludwig Seuss und Chris Jagger zelebrieren den Zydeco in Wendelstein

An normalen Tagen ein gewöhnlicher Sportraum mit Turnringen und Linienmarkierungen, verwandelt sich die Wendelsteiner Waldhalle beim New Orleans Music Festival alljährlich in einen brodelnden Konzertsaal. Die 19. Auflage der erfolgreichen Veranstaltungsreihe machte die Halle zum Schauplatz eines Doppelkonzertes von Ludwig Seuss & Friends und Chris Jagger’s Atcha, beides namhafte Spezialisten für die afroamerikanisch und französisch geprägte Musik des US-Bundesstaates Louisiana.

Aus den Lautsprechern grollt zur Einstimmung der New-Orleans-Klassiker „House Of The Rising Sun“, zusehends füllen sich die Reihen mit gutgelaunten, überwiegend älteren Herrschaften. Schon ergreift Festivalgründer Gerd Huke, der aus dem verschlafenen mittelfränkischen Örtchen eine feste Adresse für Blues- und Jazz-Pilger gemacht hat, das Wort, um den ersten Act des Abends zu begrüßen.

Einige Sekunden später entert Ludwig Seuss mit seinen Friends die Bühne und zündet ein Zydeco-Feuerwerk, das nicht wenigen Zuhörern direkt in die Bewegungszentren schießt. Wippende Körperteile werden die nächsten neunzig Minuten den Blick in den Sportraum prägen. Formvollendete Instrumentalparts – ob von Ludwig Seuss am Boogie-Woogie-Piano, Eddie Taylor am Sax oder Gitarrist Christoph Böhm – lassen uns knietief durch die Sümpfe des Mississippi-Deltas waten. Manfred Mildenbergers Schlagzeug-Hoodoo zaubert ein Ausrufezeichen hinter das entfesselte Spiel dieser Formation, bei der das Stillhalten absolut ausgeschlossen ist.

Der Münchner Bayou-Bewohner Seuss, nebenbei Mitglied der Spider Murphy Gang, vereinnahmt Herz und Beine ebenso mit eigenen Kompositionen (Trommelfellmassage: „Ms. Lini’s Smile“) wie mit knalligen Cover-Versionen von Chuck Berry, Fats Domino und dem Songwriter-Duo Jerry Leiber und Mike Stoller („Love Potion #9“!). Etliches davon stammt vom bunten jüngsten Album, The Downhill Sessions, das dem Live-Erlebnis in nichts nachsteht. Was man erst mal schaffen muss.

Als der Meister aufs Akkordeon umsattelt, bekommen die Lieder, unterstützt durch den Kontrabass Tom Peschels, eine fast irishfolkig anmutende Note. Diese scheucht Claas Vogt mit dem Waschbrett lässig zurück in die schwüle Hitze der Südstaaten, wenn er nicht gerade über dem Hinterkopf seine Klampfe bearbeitet oder vor lauter Überschwang eine Saite zerfetzt. Es wird an diesem Abend nicht die letzte sein.

Mit den Fußbeschleunigern wechseln sich weiche Bluesteppiche ab, deren Anschmiegsamkeit sicher mit dafür verantwortlich ist, dass das Publikum am Ende lautstark einen Nachschlag einfordert. Als sich das Sextett bis auf den Schlussakkord leergeschwitzt hat, dauert es lediglich ein paar Minuten, bis Ludwig Seuss mit einem Handtuch hinter den Merchandising-Tresen schlendert und freundlich Tonträger signiert. Auch das passiert an diesem Abend nicht zum letzten Mal.

Nach der Pause schnurrt die Party im Saal nahtlos weiter, denn Chris Jaggers Atcha-Combo hat sich ebenfalls dem übermütigen Zydeco-Sound verschrieben – oder stampft nach bestem Gespür Zydeco, Blues, Cajun, Bluegrass, Folk, Funk und eine Prise Boogie-Woogie zu einer betörenden Mixtur ein. Kein Wunder, dass Gerd Huke das Ergebnis als „eigenartig“ bezeichnet: Die vier Briten frönen damit tatsächlich einer sehr eigenen Art von Kunst, und Vergleiche wegen des prominenten Nachnamens müssen von Anfang an hinken.

Ja, manches kommt einem vertraut vor. Das Charisma, die Lippen, die herausfordernd blitzenden Augen, die agilen Turnereien, die Quirligkeit. Kein Zweifel, Familienähnlichkeit ist vorhanden. Und dennoch. Chris Jagger ist nicht einfach bloß „der kleine Bruder von“, sondern selbst ein Stern am Musikfirmament.

Das Vergnügen, mit dem er durch den Rockzirkus tanzt, nebenher Gitarre und Mundharmonika beackert und seine geschliffenen, nicht selten gesellschaftskritischen Lyrics vorträgt, steckt an. Man würde ihm größere Bekanntheit wünschen, mehr Erfolg mit seinen unverbraucht klingenden Songs, wenn man nicht wüsste, dass genau dieser Erfolg seiner Person die Bodenständigkeit, die Ehrlichkeit, die Glaubwürdigkeit entreißen würde.

Berühmtheit kann ein Stigma sein. Chris Jagger ist gerade deshalb so überzeugend, weil an ihm nicht Rattenschwänze von Untergebenen, Reportern, Fotografen, Groupies und Fitnesscoaches kleben, ihn kein Tour- und Promoapparat in eine theatralische Wolke hüllt, er keinerlei Berührungsängste hat und aus Erfahrung weiß, wie hart das Leben ist, wenn man sich zwischenzeitlich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten muss.

Die Lacher hat der Mann aus der Grafschaft Somerset mit radebrechendem Deutsch von Anfang an auf seiner Seite. Ebenso, wenn er über den kongenialen Bandkollegen Charlie Hart frotzelt, was die Freundschaft hergibt. Der lange, hagere Kerl antwortet mit englischem Understatement, konzentriert sich auf Piano, Fiddle, Akkordeon und Bass – und schlägt im entscheidenden Moment mit einem staubtrockenen Kommentar zurück. Alle Instrumente beherrscht er im Übrigen so bravourös, dass man getrost davon ausgehen kann, er entlockte sogar einem Sack Mehl noch Melodien.

Unterstützung erhält das seltsame Paar vom Vater-Sohn-Gespann Malcolm (Drums) und Jim (Leadgitarre) Mortimore, und als auch dem spielwütigen Jagger eine Saite reißt und er das Malheur hinter den Kulissen behebt, improvisieren Mortimore, Hart und Mortimore gekonnt eine halbe Ewigkeit, ohne mit der Wimper zu zucken.

Jaggers Rückkehr ans Mikro gestaltet sich temperamentvoller als je zuvor; er wirbelt, ähnlich einem beschwingten jungen Mann vor der Bühne, wie ein Derwisch umher und schwoft während der Zugabe mit Waschbrett durchs Publikum. Dieses reagiert auf seine Avancen allerdings zögerlicher als nötig: Der Franke an sich ist, von einigen Ausnahmen abgesehen, zu fortgeschrittener Stunde halt doch eher schwer zum Abhotten zu bewegen.

Nachdem im Foyer erneut Autogramme verteilt worden sind, scheint der anstehende Arbeitstag seinen Tribut zu fordern. In der Waldhalle kehrt überraschend zügig Ruhe ein, beinahe hat sie sich bereits in einen traditionellen Sportsaal zurückverwandelt. Aber wer den Spuk live erlebt hat, wer dem Charme der Künstler erlegen ist und sich von ihrer erdigen Rootsmusik ein Lächeln ins Gesicht pflanzen ließ, der wird den Abend, als der Zydeco durch Wendelstein tobte, so schnell nicht vergessen können.

Kommentar

  1. Pingback: The one and only list

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.