„Not all those who wander are lost“

Vieles gäbe es aufzuschreiben, vieles, das tagtäglich passiert und nicht auf der Müllhalde der vergessenen Stunden und Tage landen sollte, die wir zwar erleben, an die wir uns aber nie wieder bewusst erinnern können.

Ich könnte über die glücklichen Momente schreiben, natürlich, und trotzdem auch die verwundenden, verstörenden, auf ihre Art kostbaren Augenblicke nicht außer Acht lassen, wenn mein Herz in kleine Splitter zerspringt und ich meinem fremdgesteuerten Leben lediglich von einem fremden Planeten aus zusehe. Ich könnte Menschen in Worten festhalten, wichtige Menschen, die tagaus, tagein durch meine Gedanken schweben und es verdient haben, an einem Ort wie diesem ihr eigenes kleines heimliches Denkmal zu erhalten. Ich könnte über Tränen schreiben und über Veränderungen, Entwicklungen, Seltsamkeiten und Unwägbarkeiten.

Dabei ist alles, was gerade zählt, dieser süße, unfassbar berauschende Duft, der immer im Mai durch die Straßen zieht, wenn es kurz davor geregnet hat; und dessen Ursprung ich noch immer nicht kenne, nach so vielen Jahren nicht, obwohl ich mich jedes Jahr auf ihn freue und mich an ihm zu Tode schnuppern könnte. Ich weiß nicht, ob es ein Baum ist oder ein Strauch oder eine Blume, ob es einfach nur etwas Verheißendes ist, das mich jährlich in Aufbruchstimmung versetzen soll, mich daran erinnern soll, dass es Dinge da draußen gibt, die grundlos schön und immer für uns da sind.

Noch schöner ist es freilich, eines Abends in diesen Duft hinauszutreten und einen der wichtigen, besonderen, denkmalwürdigen Menschen zu treffen, weil man zur richtigen Zeit am richtigen Ort vorbeigeht, ohne Hintergedanken, aber doch mit einem Funken Hoffnung, und Bam!, da ist er, und wir unterhalten uns und legen ein Stückchen des Weges gemeinsam zurück, sein samtweiches Jackett streift kurz meinen Ärmel, sein Lächeln ist so arglos und freundlich, der Wind zerrt an meinen Haarsträhnen, und über allem liegt dieser würzigsüße Geruch und lullt uns mit weißwabernden Fingern ein wie in einem Zeichentrickfilm.

„But you must give him some sign, some sign that you love him… or he’ll never be a man. All his life he’ll feel guilty and alone unless you release him.“ Ja, lieber Herr Steinbeck, vielleicht erstreckt sich der Funken Hoffnung noch weiter, als man hätte hoffen können, vielleicht ist es tatsächlich einfacher, als man geglaubt hatte, vielleicht hat man es endlich gesagt, das magische Wort, vielleicht hat man das Zeichen gegeben, und nun vertraut er und hat es endlich akzeptiert?

Und falls nicht, dann ist es dennoch schön, weil wir uns dabei ertappen durften, wie wir dort saßen und uns in der Fensterscheibe gespiegelt anblinzelten, bis es draußen zu hell wurde. All die Angst war unbegründet, aber vielleicht denke das auch bloß ich oder es ist die Ruhe vor dem Mai-Sturm, der kein Mais-Turm ist, selbst wenn die Buchstaben, diese kleinen Lügner, das anders sehen.

Als ich raustrat ins grelle Licht und nach meinem Fahrradschlüssel tastete, da ahnte ich schon, dass der Duft bald wieder da sein würde, dass eine solche Nacht nur durch diesen Duft gekrönt werden könnte, der sich heute Nachmittag schleichend auf den Weg zu mir machte. Es war an der Zeit, alles war an der Zeit, und ich lasse mich damit forttreiben und werde weniger nachdenken. Nur fühlen. Nur: da sein.

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