„Original Sin“ was 20 years ago today

Es war der 22. November 1997. Der Tag, an dem ich einst mein Herz an Hutch und mein Leben an die Musik verlor.

Doch ehe ich das genauer erkläre, muss ich einen anderen Tag erwähnen – „the day the music died“: Am 3. Februar 1959, kurz nach Mitternacht, verlassen Buddy Holly, Richie Valens, The Big Bopper und Pilot Roger Peterson mit ihrer Bonanza B35 den Boden von Iowa. Ein Blizzard raubt dem Flugkapitän die Orientierung, die kleine Maschine prallt auf ein Getreidefeld. Alle Insassen: tot. Der Rock ’n’ Roll trägt Trauer – und Don McLean 1971 mit seinem Achteinhalbminüter „American Pie“ zur Mythisierung des Schicksalsdatums bei.

All dies geschah lange vor meiner Zeit, und ich habe auch verhältnismäßig spät davon erfahren. Damit die Musik für mich persönlich sterben konnte, musste sie logischerweise ja erst einmal geboren werden. An den Tag ihrer Geburt kann ich mich folglich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Als wären lediglich ein paar Stunden vergangen, seit ich das Radio einschaltete und nichts in meinem kleinen pubertären Leben jemals wieder so war wie zuvor.

In Wirklichkeit ist dieser noch immer Gänsehautschauer heraufbeschwörende Moment genau zwanzig (20!) Jahre her. Mithilfe musikalischer Passagenriten vollzog sich am 22. November 1997 und in den Monaten danach für ein vierzehnjähriges Mädchen in irgendeinem Nest in Mittelfranken der Wandel vom Kind zur Bald-Erwachsenen. Es war der Ethnologe Arnold van Gennep, der darauf hingewiesen hat, dass die Übergänge zwischen zwei Lebens- oder Sozialstadien rituell bewältigt werden müssen. Und zwar in mehreren Phasen: Zunächst löst man sich von etwas Altem ab, dann befindet man sich in einem schutzlosen und potenziell gefährlichen Zwischenzustand – auf der Schwelle –, bevor das Ich schließlich wie ein Phönix aus der Asche eine neue Identität annehmen kann.

Übersetzt bedeutet das völkerkundliche Geschwurbel nichts anderes als: Plötzlich, nach tausendundein Hörerlebnissen, hat es zwischen der Musik und mir – und ergo zwischen dem Leben und mir – klauslagemäßig „Zoom“ gemacht. Zoom deshalb, weil es eben nicht so war, dass ich nicht schon vorher mit Musik in Kontakt gekommen wäre. Ganz im Gegenteil. Meine Kindheit war voller Musik. Meist war es natürlich diejenige, die über den Umweg meiner Eltern in mein auditives Bewusstsein schwappte.

Ich erinnere mich an die vielen Kassetten (man kann die zwischenmenschlichen Verdienste des Mixtapes gar nicht genug würdigen) mit ungarischen Kinderliedern und Liedermachern, die ich auf meinem Ghettoblaster mittels Endlosschleifen zu Bandsalat formte. An das Spätachtziger-Frühneunziger-Kuschelrock-Mixtape, das unsere Autoreisen nach Ungarn untermalte (und wenn heute irgendwo die Anfangstakte von „Eternal Flame“ oder „Senza Una Donna“ erklingen, werde ich gefühlsduseliger, als es diese Stücke je beabsichtigten). An die vielen Radiomitschnitt-Tapes mit Songs, die ich unbedingt in vollständiger Pracht besitzen wollte (Elton Johns „Crocodile Rock“ allerdings bloß in einer fein säuberlich auf die Falsett-Parts zusammengeschnipselten Variante).

Rod Stewarts „Motown Song“ und eine Roxette-Hitsammlung

Ich erinnere mich daran, wie das Kassettenmädchen das erste Mal einen Discman in Händen hielt und ihn, von einem ausgerenkten Halswirbel und anderen Malaisen ans Bett gefesselt, mit futuristisch anmutenden Silberscheiben fütterte. Ich weiß noch, dass Rod Stewarts „Motown Song“ und eine Roxette-Hitsammlung essentieller Bestandteil kindlicher Tanzversuche und Playbackposen waren (nebst Sommereintagsfliegen von „Macarena“ bis „Coco Jamboo“) und mein Vater und mein Onkel – an dessen Flurwand vier säkulare Ikonen aus Liverpool den Gast fixierten – einmal zu einer ahnungsvoll lockenden „Voodoo Lounge Tour“ nach Budapest fuhren.

Ich vermag mich dunkel an den Tod eines Freddie Mercury und eines Kurt Cobain zu erinnern, auch wenn ich die Namen kaum mit der entsprechenden Musik assoziierte. Ich erinnere mich an die Party, wenn mein Vater bei „Surfin’ Bird“ und „Wooly Bully“ die Lautstärke hochregelte; an eine wie eine Hostie gehütete blaue Beatles-Box im LP-Schrank meines Stiefvaters; an das coole Video zu Tom Pettys „Mary Jane’s Last Dance“; an das fremdsprachige Gebrabbel von Ray Cokes und Pip Dann auf MTV Europe, wenn gerade kein cooles Video lief. All das. Aber letztlich war all das nie mehr als ein Hintergrundrauschen. Es war da, also gehörte es dazu, ich hinterfragte es nie und wäre es nicht von Anfang da gewesen, ich hätte es, wenig überraschend, nicht vermissen können. Vermissen kann man nur das, was man kennt.

Dann kam ein Samstag Ende November 1997 und meine mir bis dahin recht unbewusste Existenz hatte plötzlich ihren eigenen Soundtrack und – Bedeutsamkeit.

Was war passiert? Eigentlich nicht mehr, als dass meine Mutter kurz davor von einem Einkaufsbummel zwei CDs einer mir vollkommen fremden Band mitgebracht hatte. Ich blätterte mich durch die Booklets, der Sänger sah ein bisschen aus wie Jim Morrison (was ich damals freilich nicht ahnte), seine Stimme enthielt dieses warme, magische Quäntchen Sehnsucht, das von Abenteuer, Lebenslust, Freiheit und Aufbruch erzählte. Meine Eltern fertigten die obligatorischen Autokassetten an und ich erfreute mich daran, dass jene australischen Rocker so erfrischend anders und dennoch wohlig vertraut klangen.

Der Song, der mir als allererstes tief ins Ohr kroch, hieß „Original Sin“. Ursprünglich veröffentlicht im Jahr meiner Geburt, sollte er ab sofort so etwas wie meine musikalische Ursünde markieren. Ab hier würden sich die Dinge gravierend ändern, auch wenn ich davon noch keinen blassen Schimmer hatte. Aber meine Güte, kickte dieses Ding rein! Diese Sehnsuchtsstimme, diese Hookline! Originell – tanzbar – funky – saxy [sic!]!

Und dann sitze ich an besagtem Novembersamstag in meinem Zimmer und höre Radio. In den Nachrichten ist auf einmal die Rede vom Tod des Rockstars, Frauenschwarms und INXS-Frontmanns Michael Hutchence. Quälend langsam sickert diese Information in mein Hirn, braucht eine Weile, bis sie verarbeitet ist, braucht eine Weile, bis sie mit der Stimme auf den beiden Musikalben, die derzeit in der Wohnung hoch und runter laufen, verknüpft ist. Wie jetzt – der Typ, der so wunderbar singt und mir mit seiner Combo „Original Sin“ geschenkt hat, ist tot? Wurde nackt und leblos in einer Hotelsuite in Sydney gefunden? Einsam verreckt am anderen Ende der Welt, mit siebenunddreißig und mit einem Gürtel um den Hals?

Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Im selben Jahr hatten alle um Gianni Versace und Lady Di getrauert. Ich war schockiert gewesen, klar, doch ausgerechnet dieses verquere, bis heute nicht ganz zufriedenstellend aufgedröselte Wirrwarr aus Selbstmord versus Sex-Unfall war es, das meinen inneren Miss-Sophie-Butler über den laut brüllenden Tigerkopf namens Ungerechtigkeit stolpern ließ, der an so vielen Stellen aus dem Leben ragt. Es frustrierte mich gewaltig. Da war ich gerade dabei, mich so richtig für etwas zu begeistern, und schon sollte alles wieder vorbei sein?

Ohne mich! Ein trotziges „Nun erst recht!“ war meine Antwort auf die ungeklärte Frage, warum just dieser Kerl so früh vor der Zeit das Zeitliche gesegnet hatte. Ich begann, INXS-CDs zu horten und sie mir in unbandsalatiger Endlosschleife zu Gemüte zu führen.

Wie eine Kuscheldecke

Niemand weiß, wie oft ich mir damals den Song „Beautiful Girl“ reingezogen habe. Jeden Tag bestimmt mindestens zwanzigmal. Michael Hutchences Timbre und das Klavier von Andrew Farriss waren so sanft und weich wie eine Kuscheldecke, ich wollte mich von Kopf bis Fuß, inklusive der frierenden Seelenteile, darin einwickeln. „By My Side“, „Searching“, „Baby Don’t Cry“, „Everything“, „Slide Away“, sie alle standen dem in nichts nach und trösteten mich über etwas hinweg, das ich verloren zu haben schien, allerdings nicht benennen konnte. Die kindliche Unschuld? Das Gefühl, dass alles unendlich und Gegenwart ist? Den Glauben an irgendeinen Sinn? Hutch himself, obwohl mir als Mensch ja eigentlich komplett unbekannt?

Ablösung und Verlust, das war nach Arnold van Gennep Phase eins, und um festzuhalten, nein, um zu verstehen, was mit mir geschah, schrieb ich mir erstmals die Finger in einem Tagebuch wund. Sorgfältig und unerbittlich wie ein Präparator entblätterte ich mein Innerstes von sämtlichen Feigenblättern, legte meine Befindlichkeiten unters Mikroskop und zoomte voll hinein. Der Spiralblock, den ich mit meiner Oma an einer Losbude auf dem Volksfest gewonnen hatte, füllte sich mit Herzschmerz und Verzweiflung, mit Ängsten und Sorgen, mit dem zunehmend sich zementierenden Eindruck, total fehlplatziert auf dieser Erde zu sein. Hermann Hesse hätte seine Freude an dieser schriftlichen Nabelschau gehabt.

Unterdessen kippte ich die tägliche Dosis Musik, und zu der gehörte ja überdies die andere Seite der Medaille, aufreizendere Tunes à la „Need You Tonight“, „Elegantly Wasted“, „Strange Desire“, „Devil Inside“, „Please (You Got That…)“ oder „Mediate“. Diese Lieder verkörperten mit jeder Pore Michael Hutchence, das Sexsymbol, was für mich zunächst eine peinlich genau ignorierte, dann betörende Facette seiner Natur bildete. Aber hallo! Mit vierzehn war es schließlich höchste Eisenbahn, dass Leib und Hormone aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst wurden. Die anderen Mädels heulten noch immer über die Auflösung von Take That, ich hatte meinen persönlichen, so süß lächelnden, so lieb guckenden Bravo-Posterboy gefunden, yay!

Okay, er weilte nicht mehr unter uns. Hätte er es getan, wäre er für mein jugendliches Ich wohl auch etwas zu alt gewesen. Andererseits: Wen juckt es. Fortan lebte ich wie in einer Blase – der ersten von vielen, die da kommen sollten: die Kurt-Cobain-Blase, die John-Lennon-Blase, die Michael-Jackson-Blase… Es wurde regelrecht zu einem Fluch: Viel zu oft entdecke ich tolle Tonkunst reichlich spät, wenn Interpret oder Band gar nicht mehr existieren. Ein Unding, das übrigens schon Kurt Cobain mit den Beatles widerfahren ist.

Die komplette Hutch-Begräbniszeremonie

Nichts sollte ich jedoch je wieder als so intensiv und fantastisch-fanatisch wahrnehmen wie die Michael-Hutchence-Blase. Als das Kind Kind war, möchte man in Anlehnung an Peter Handke sagen, machte es nämlich viele seltsame Sachen. Ich war ein perfektionistisches Kind und wollte alles über INXS erfahren, was es irgendwie zu erfahren gab. Ohne Internet, ohne Suchmaschinen, Wikipedia und YouTube (wo man heutzutage, ist es nicht absurd, die komplette Hutch-Begräbniszeremonie glotzen kann, abzüglich Nick Caves Abschiedsballade „Into My Arms“), musste ich unter meiner Taucherglocke allerdings richtig kreativ werden, um an neue Informationen zu gelangen.

Aufmerksam verfolgte ich Sondersendungen und Teletext-Meldungen auf MTV, VIVA und VIVA ZWEI (adieu, du Mixtape-Kollege) und notierte alles, was ich erhellend fand, in einem dicken Heft. Wöchentlich enterte ich die Stadtbücherei und kopierte Artikel aus Magazinen und Rock-Enzyklopädien. Meinen Vater bettelte ich um sein Wembley-Konzertvideo an, Live Baby Live hieß es und zeigte das Objekt meiner Begierde in Farbe und in Bewegung und in knallengen Hosen.

Ich entwickelte außerdem eine Obsession für Australien (einmal nach Sydney fliegen, wo Michael Hutchence geboren wurde und starb), las zum tausendsten Mal die Outback-Saga Die Dornenvögel, bewunderte Ex-Hutch-Freundin Kylie Minogue und interessierte mich in deren Kosmos auch gleich noch für Boulevardjournalismus, zumindest, wenn dieser um Töchterlein Heavenly Hiraani Tiger Lily Hutchence kreiste, oder deren Mutter Paula Yates, oder deren Ex-Mann Bob Geldof, oder deren gemeinsame Töchter Fifi Trixibelle, Peaches Honeyblossom und Little Pixie…

Das tragische Ende von Paula und Peaches Jahre später hätte 1997/98 meines sein können. Kein Heroin, Gott bewahre, aber erstmals nicht weit von einer Katastrophe entfernt. Ich erreichte offenkundig Phase zwei, die bedrohliche Schwelle. Ein aufkeimender Körper, die Suche nach einer Identität, ungarisches Schwermut-Blut in den Adern, Hänseleien an der Schule und eine Eighties-Dancerock-Band mit einem vielleicht selbstmörderischen Sänger – fertig war das explosive Gemisch. Nicht gut. Die zu Positivem animierenden Melodien von „Mystify“, „Jan’s Song“, „Disappear“, „Listen Like Thieves“, „Heaven Sent“ oder „Kiss The Dirt (Falling Down The Mountain)“, denen ich in Höhenflugmomenten lauschte, konnten nichts daran ändern, dass meine inneren Dämonen für mich mit einem Exitus als „Suicide Blonde“ liebäugelten.

Wie dieser Text beweist, blieb es beim bloßen Kokettieren mit Thanatos, und ich weiß inzwischen, wie doof und naiv ich war. Und wie wenig gefeit gegen die Macht einer einsamen und traurigen Seele. Nichtig waren meine Probleme gemessen an denen unseres Planeten, mag sein, ich war sozusagen eine Rebellin „without a cause“ und in der zahmen Walt-Disney-Version; trotzdem tanzt man als Pubertierende beständig auf einem Vulkan, und wenn darunter zur falschen Zeit ein (musikalisches) Erdbeben wütet, ist alles möglich.

Das ewig Irrwitzige dabei: Das Leben hält indessen nie an, es pausiert nicht für uns, wenn unsere Synapsen durchknallen und wir aus dem Karussell aussteigen wollen, und es schert sich einen Dreck darum, wie wir das finden. „Das Leben bahnt sich einen Weg. Es bricht aus. Auf eine schmerzhafte, manchmal sogar gefährliche Art und Weise. Aber das Leben bahnt sich einen Weg.“ (Michael Crichton, DinoPark). Oder, etwas plastischer: „Life carries on / In the people I meet / In everyone that’s out on the street / In all the dogs and cats / In the flies and rats / In the rot and the rust / In the ashes and the dust“ (Peter Gabriel, „I Grieve“).

Schließlich trugen mich just die Songs von INXS über den Abgrund, den der sinnlose Abgang von Michael Hutchence vor mir aufgetan hatte. Ich wurde – Phönix-Phase drei – allmählich erwachsen, und in meiner Blase hatten sich mir nicht nur Abgründe eröffnet. Sondern die ganze Welt. Zu dieser gehört zwar ein unausrottbares Faible für Melancholie, das bis zur Gegenwart wie ein Herpesvirus in mir schlummert und darauf lauert, zur Depression zu mutieren. Gleichzeitig fiebere ich manisch der kultigsten Partyreihe meiner Stadt entgegen, und läuft dort INXS, drehe ich auf. Bei David Bowie, der irgendwann (vor seiner Verwandlung zu Sternenstaub!) zu meinem Haupt-Heroen wurde, gibt es dann kein Halten.

Zwanzig Jahre auf einige Wimpernschläge evaporiert

Das „Nun erst recht!“-Gefühl ist also unverwüstlich. Selbst Kirk Pengillys todunglücklich seufzendes Saxofon aus „Never Tear Us Apart“ kann mich manchmal an diese Tatsache erinnern: Scheiße, Leute, ist das Dasein an sich geil! Weil Musik „my first love“ war („and it will be my last“), weil sie das Monster hoffentlich noch sehr lange in Schach halten wird, weil Kirk Pengilly, Garry Gary Beers, Tim Farriss, Jon Farriss, Andrew Farriss und Michael Hutchence mal eben zwanzig Jahre auf einige Wimpernschläge evaporiert und mir einen eigenen Murmeltiertag spendiert haben, der mich alljährlich in Unruhe versetzt und – mittlerweile – lebenslustig macht.

Der 22. November hat deswegen nichts von seinem Schrecken verloren. Geflirte hin oder her, damals war ja alles, was mit Sterben zu tun hatte, so abstrakt. Jetzt, da ich mich tatsächlich dem Alter nähere, in dem Michael Hutchence den Löffel abgab, merke ich, wie konkret etwas auf mich, auf uns alle lauert. Ein dunkles Etwas, das herankriecht wie das Nichts in der Unendlichen Geschichte und die Welt immer mehr entzaubert. Die Zeit zerrinnt wie ein Pfund Butter in der Sonne, und Pink Floyd haben diese Beobachtung, aber das ist eine andere Geschichte, in der unheilsschwangersten aller Vergänglichkeitshymnen perfekt konserviert.

Allein: Trübsinn, Tristesse, Traurigkeit bringen nichts. Lieber feiere ich noch so oft wie möglich die berauschende Emotion, mich in Musik zu suhlen. Bekannte Songs bis auf die letzte Note in mich aufzusaugen, neue Songs zu entdecken, neue Bands und Künstler, ob verblichen oder putzmunter. Je mehr wunde Punkte es berührt, desto besser, denn desto lebendiger fühle ich mich.

Wie sagte das Groupie Band-Aid Sapphire in dem Film Almost Famous? „They don’t even know what it is to be a fan. Y’know? To truly love some silly little piece of music, or some band, so much that it hurts.“

– And it hurts.

* * *

Epilog

Es ist frostig. Ich lehne an einem Glühweinstand in der Innenstadt und stecke die Nase in dampfenden Punsch. Um die Ecke schlendert jemand, den ich seit Mitte der Neunziger nicht gesehen habe und trotzdem sofort erkenne. Er hatte schon als Kind, als Mitschüler, diese leicht schmuddelige, eigentlich sympathische Peanuts-Pig-Pen-Aura, und kurioserweise hat er sie nach wie vor.

Ich spreche ihn nicht an. Wer weiß, ob er sich an mich erinnert, selbst wenn wir einst nach dem Unterricht viele Spielrunden zusammen verbracht haben. Manchmal in Einklang, manchmal in erbittertem Streit. Eine klassische Hassliebe, von der ich nicht sagen kann, ob ich sie in die Gegenwart zerren möchte.

Manchmal hatte ich einfach nur Mitleid mit ihm, warum auch immer. Jetzt folge ich ihm hinter meinem granatapfelroten Heißgetränk mit den Augenwinkeln und stelle erstaunt fest, dass er mich an jemanden erinnert: Der Junge, der mich durch die Grundschulzeit begleitete, ähnelt als erwachsener Mann tatsächlich dem jungen Michael Hutchence. Ein verwuschelter brauner Vokuhila, schmollende Lippen, herausfordernder Blick, ja, das ist eindeutig der Hutch aus dem „Original Sin“-Musikvideo, keine Frage. Was für ein schöner Zufall.

Ich schweige weiterhin, lasse Hutch vorüberziehen, lächle in meine fast leere Tasse. Ich bin ein bisschen beschwipst, aber das hier ist real – ein doppelter Gruß aus der Vergangenheit. Irgendwo schließt sich gerade ein Kreis. Und ich bin glücklich.

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