Promenaden-Flohmarkt

Bloomsday heißt er. Irgendwie passend für einen Tag, an dem wir mit allen Händen tief in die Vergangenheit eintauchen. Wir haben Gummistiefel angezogen, unabhängig voneinander, worüber wir herzhaft lachen, und hangeln uns unter dunkel drohenden Wolken von Stand zu Stand.

Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte. Spielsachen gehen mir jedes Mal nahe, Bücher auch. Wer hat einst glücklich in ihnen geblättert, welches Patschehändchen hat einmal die Puppe dort angekleidet oder jene Bauklötze aufeinandergestapelt? Wo sind diese Menschen jetzt, wie alt sind sie jetzt? Ob sie noch unter uns weilen?

Ein solcher Markt ist immer auch ein Markt der Toten, habe ich den Eindruck. Obwohl es sehr lebendig zugeht. Besucher strömen von allen Ecken über die Promenade, den Schlossplatz, die Wiesen. Befingern neugierig Objekte, schnuppern an Holz, ziehen Schuhe an, wägen ab, handeln Preise aus. Meine kleine Schwester erweist sich als großes Talent im Preise-Aushandeln.

Viele Verkäufer hängen an ihrem Besitz und wissen ihn geschickt zu bewerben. Ein grauhaariges Mütterchen ist stolz auf einen kleinen Kupferkessel und eine golden glänzende Messinggießkanne; handgearbeitete Stücke, die sie nicht an Metalljäger verlieren will. Ein durchnächtigter Student hinter einer Sonnenbrille macht ein Tablett aus den Sixties schmackhaft, dessen kunstvoll gewebter Bodeneinsatz von Maurits Cornelis Escher stammen könnte. Eine junge Frau hat beschlossen, ihre komplette Ware für so wenig Geld wie möglich zu veräußern: In Regenpfützen schwimmen nutzlos gewordene Transportkartons.

Überhaupt, der Regen.

Immer wieder droht er damit, erneut auf alles niederzugehen, dabei würde ich etwas Abkühlung begrüßen – aber nicht um den Preis, dass stapelweise Gedanken aufquellen. Ein durchweichter Papierhaufen neben dem Weg ist schon mehr, als ich sehen möchte. Er besteht zu einer Hälfte aus Schachteln, Verpackungsmaterial, Erlenblüten, Abfall, zur anderen aus ertrunkenen Büchern, und ich muss mich beherrschen, nicht sofort alle aufzulesen. Vorsichtig gucke ich sie durch und könnte aufschreien vor Wut, dass jemand sie einfach hier zurückgelassen hat, sie sich selbst überlassen hat, wo damit doch entschieden ist, dass sie nach dem Trödeln im Containergrab landen werden, was sich nicht besser anfühlt, als würde sie jemand verbrennen… Wie die Bücherdiebin komme ich mir vor, als ich schließlich trotzdem Peter Suhrkamps Briefe an die Autoren dem sich wellenden Haufen entreiße, flugs in meinem Rucksack verstaue und zu Hause unter eine schwere Bücherkiste presse, um mir später zuerst die Korrespondenz mit Hermann Hesse daraus zu gönnen.

Wir schlendern weiter.

Meine Schwester erwirbt allerlei Schätze für uns, während ich staunend zuschaue. Irgendwann kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück und entdecken zwischen den Autos neben dem Fußweg einen kuriosen Fahrradhippie, Marke: echtes Unikat, der uns freundlich zuwinkt.

An einem der ersten Stände habe ich mich in eine Schreibmaschine verliebt. Meine Schwester fackelt nun nicht lange und schenkt sie mir, als der Händler von sich aus ein faires Angebot macht. Sie ist das dritte Geburtstagsgeschenk, das ich in jenem Jahr Wochen vor dem eigentlichen Datum bekomme.

„Olympia SM-3 Portable“, so heißt das Baby, steckt in einem wuchtigen Koffer und besticht durch unaufdringliches, edles Resedagrün. Wie geschaffen dafür, den Suhrkamp-Autor James Joyce in mir zu wecken und ein ulysseskes Opus in die Tasten zu hacken, in Erinnerung an den Halbungarn Leopold „Bloom, einziger, männlicher, transsubstantieller Erbe des Rudolf Virag (später Rudolph Bloom) aus Szombathely, Wien, Budapest, Mailand, London und Dublin […].“

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