Room to Blues: John Mayall in Münster

Dass er dieses Jahr 78 wird, merkt man ihm nicht an. Er trägt ein beigefarbenes Safarihemd, lässige Sneakers und viel Schmuck. Sein weißgelockter Pferdeschwanz wippt im Takt des Bluesschemas, die sehnigen Arme hämmern flinke Boogie-Woogie-Rhythmen ins Keyboard.

John Mayall ist eine lebende Legende.

Und obwohl längst im besten Rentenalter, denkt er noch lange nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Auf seiner aktuellen Welttournee, die ihn bis Dezember Abend für Abend um den halben Globus jagen wird, hat er nun auch in der Jovel Music Hall in Münster Halt gemacht.

Vor dem Griff zur Bluesharp erfreut er seine zahlreich erschienenen Fans aber erst einmal damit, dass er sie persönlich in einer spärlich beleuchteten Nische hinter dem Eingang erwartet, um ihnen Musikträger zu verkaufen, angeregt mit ihnen zu plaudern und geduldig Autogramme zu verteilen. Ein Mann ohne Starallüren.

Unter den Blicken des „Dude“ und zum melancholischen Klagen Johnny Cashs füllt sich derweil die Fläche vor der Bühne. Ein bunt durchmischter und bestens gelaunter Saal macht sich bereit, dem weißen Engländer mit dem schwarzen Sound zu lauschen, der seit den Sixties als einer der Väter des britischen Blues gilt. Und über den man kaum sprechen kann, ohne im selben Atemzug die Musiker zu erwähnen, deren Karrieren er entschieden angestoßen hat (nennen wir mit Eric Clapton, Mick Taylor, Peter Green, John McVie und Mick Fleetwood also ein paar von ihnen).

Pünktlich zur Prime Time sprintet der Meister dann dynamisch ins Rampenlicht. Allein, nur mit Stimme und Mundharmonika bewaffnet, leitet er den Konzertabend mit Sony Boy Williamsons „Another Man Done Gone“ ein und erweitert das spartanische Arrangement ab der zweiten Hälfte noch um ein paar Keyboardklänge. Ein magischer Auftakt.

Anschließend nehmen die Bandkollegen ihre Plätze ein: Rocky Athas, vom Mienenspiel ein wenig an Gérard Depardieu erinnernd, schnappt sich in galaktischen weißen Turnschuhen seine Gitarre; Jay Davenport, ein schwarzer Buddha in Jogginghose, lässt sich hinter dem Schlagzeug nieder; Greg Rzab schlendert cool mit zerfetzten Jeans zum Bass. Mayall hat sie alle wie eh und je mit viel Gespür für große Talente ausgesucht. Vor allem Rocky Athas steht seinen Bluesbreakers-Vorgängern in nichts nach und begeistert mit ekstatischen Improvisationen, die zum Augenschließen und bedingungslosen Ausliefern an die Melodie einladen.

Der Otis-Rush-Hit „All Your Love“ vom Meilenstein Blues Breakers With Eric Clapton ist der erste Song, den das jetzt vollständige Quartett mit enormer Spielfreude zelebriert. Insgesamt erweist sich das Set mit „Oh, Pretty Woman“, „California“, „Help Me“, „Early In The Morning“, „Maydell“ und „Have You Heard About My Baby“ als expressives Gemisch aus Mayall-Klassikern und Bluesstandards. Gänzlich unangestrengt wechselt Mayall dabei zwischen Keyboard, Tanzeinlagen, kräftigen Mundharmonikasoli, Gesang oder allem zugleich hin und her. Ein Mann mit viel Energie.

Nebenbei dirigiert er voller Elan seine Band und vergisst auch die Kommunikation mit dem Publikum nicht. Als es einmal Probleme mit dem Keyboard gibt und Mayall sich der Wirkung seines etwas ratlosen Herumdrückens auf diversen Knöpfen bewusst wird, verkündet er schmunzelnd und kopfschüttelnd: „Gadgets.“ Die lakonische Bemerkung erntet, wie gewünscht, Lacher und macht die Zuhörer zu Verbündeten des allzumenschlichen Geschehens.

Zwei eindrucksvolle Titel von Tough, dem im Herbst 2009 erschienenen jüngsten seiner fast 60 Alben, vervollkommnen das bluesige Repertoire: „The Sum of Something“ und „Tough Times Ahead“. Letzteres Stück ist ein nachdenklicher Kommentar zur aktuellen Wirtschaftslage. Es handelt von der Schwierigkeit, in diesen harten Zeiten nicht die Hoffnung zu verlieren („The whole world is in bad trouble but we are all looking for that rainbow“), nicht aufzugeben im Angesicht von Rezession und Dauerarbeitslosigkeit („It’s hard to make a living when the jobs are getting fewer and hard to find“). Tastenklangschwermut alterniert mit einer kernigen Stimme und elegischen, alle Missstände verdammenden Gitarrensoli.

Obgleich Mayall während des Konzerts mehrmals auf seine Armbanduhr schielt, reicht die Zeit am Ende, nachdem das Publikum die vier Musiker frenetisch zurück auf die Bühne geklatscht hat, doch für zwei Zugaben. Eine davon: der Live-Kracher „Room To Move“. Schier unerschöpflich jammt sich Mayall durch den Song und gesteht allen Bandmitgliedern noch einmal genügend Raum für ausgedehnte Instrumentalpassagen zu. Wohlig lässt uns der irre Schlagabtausch zwischen Rzabs Bass und Mayalls Bluesharp erschauern. Davenport krönt die Darbietung mit einem durch die Halle donnernden Drumsolo. Um 22 Uhr ist Schluss.

Während die Lichter angehen, Johnny Cash wieder zu klagen anfängt und fleißige Helfer sich ans Aufräumen machen, verweilen Mayall und Athas bereits gemeinsam am Merchandising-Stand und signieren fröhlich alles, was man ihnen unter die Hände schiebt. Viel zu selten sind sie, die unkomplizierten und bescheiden gebliebenen Stars. Mayall hat sechs Kinder und mindestens sechs Enkel. Er muss längst ausgesorgt haben und könnte sich im Kreise seiner Familie einen ruhigen Lebensabend machen, statt sich die Anstrengungen eines Tourmarathons anzutun. Doch die Augen hinter der Brille funkeln, die Bewegungen sind für sein Alter geschmeidig, er ist gut in Form.

Blueser gehen nicht in Rente.

John Mayall ist ein Mann, der den Blues lebt.

Kommentar

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