Sommer, unbesiegbar

Von der eigentlichen Grenzlinie merkt man, Schengen sei Dank, nichts mehr. Optisch jedoch, optisch entfaltet sich bei der Überfahrt von der einen Hälfte Kakaniens (Schmäh) in die andere (Gulaschkommunismus) noch immer eine vollkommen neue Welt. Ganz woanders sind wir hier, wir haben die Dekadenz des Westens verlassen und sind hinter den Eisernen Vorhang geschlüpft, der zwar längst im Altkleidercontainer der Geschichte entsorgt wurde, aber vorher gründlich seine staubdicht versiegelnde Wirkung entfalten konnte.

Der letzte Außenposten des gewohnten deutschen Sprachraums war der Wiener Hauptbahnhof. Ein Baukunstgedicht aus fallenden Betonzeilen, schwingenden Stahlausläufern und steil emporstrebenden Kranmetaphern. Wir stiegen in einen bellenden Railjet; einige Zeit war ich davon überzeugt, dass irgendwo ein Hund unter den Plätzen hockt, doch das seltsame Wuff-Wuff aus den Tiefen unseres Abteils gab tatsächlich der Zug von sich. Dann spuckte uns dieser im Magyarenland aus und ich wurde überwältigt von einem Gefühl der Zuneigung.

Mehr Osteuropa-Klischee als eine ungarische Transitstation geht kaum. Von den Fassaden schuppt sich der Putz, grünbeige, schlammbraun, perlmausgrau. Die kontinentalen Sommer haben auch alles andere gegerbt, die Korrosionsflecken auf den Regenrinnen, die Schottersteine zwischen den Schienen, das Gesicht des Bahnhofsvorstehers. Sprachfetzen dringen zu mir und es klingt wie Heimat. Fünfzehn lange Jahre war ich von ihr getrennt.

Jetzt sitzen wir im letzten Waggon des letzten Zuges nach Z. und schweigen und schwitzen. Das Rattern und Rumpeln, das aus all den aufgerissenen Fenstern dringt, macht uns schläfrig. Nur das Kind ist umtriebig, es rollt seinen Ball zu den anderen Passagieren, verputzt Paprikaschoten und putzt mit einem Feuchttuch akribisch das Interieur, bevor es sich unseren Hosenbeinen zuwendet.

Die allerletzten Kilometer legen wir per Familientaxi zurück. Niedrig und schmutziggelb ducken sich die Häuser an die Holperpisten. Die Störche nisten nicht unendlich weit oben auf Fabrikschloten oder Kirchtürmen, sondern beinahe auf Augenhöhe, denn mehr als ein Erdgeschoss plus ein zusätzliches Stockwerk misst hier fast nichts Menschengebautes. Grün ist es, so erschreckend grün, wie es in Deutschland unvorstellbar wäre. Fröhlich wuchert das Unterholz, überall schießen Birken empor. Und Weiden und Nadelbäume, deren Kronen im Wind wanken, beruhigend wispern und Heerscharen von Tieren Obdach bieten.

Vor jedem Haus döst in der sengenden Sonne ein richtiger Hund und wartet darauf, in das straßenweise sich fortziehende Kläffen einzustimmen, wenn ein Fremder sein Viertel betritt. Bevorzugt nachts. Raufboldige Kater streichen um die dicken Knöchel der Mütterchen, die unter ihren Kopftüchern mit Runzelaugen ins Grelle linsen und beim Fegen den Dorfklatsch über die Zäune reichen.

Die Gemeinden tragen vielsilbige Namen, für deutsche und die meisten anderen europäischen Zungen unaussprechlich, aber harmonisch tönend, Hódmezővásárhelykutasipuszta lässt grüßen. Dazwischengestreut: Brocken der internationalen Konzernkettensprache, Tesco, dm, Interspar. Ungarn liegt, wie seine ehemaligen Warschauer-Pakt-Nachbarn, trotz allem nicht mehr auf der dunklen Seite des Mondes.

Noch ein paar omnipräsente Kuppen und Senken, noch mehr zügelloses Grün links und rechts, noch eine letzte weiße Ortstafel. Dann beginnt unser Juni in der Gyöngyvirág utca, in der Maiglöckchenstraße. Wir räumen unsere Sachen aus dem Auto und fallen erschöpft durch die Haustür.

Erst eine Stunde später habe ich Muße für die Schönheit von Gebäude und Garten und erkunde das Grundstück. Wie ein Park mutet es an, hinter jedem Kirsch- und Feigenbaum, jedem üppig knospenden Rosenstrauch kann ich etwas Neues entdecken. Den Buchs haben Edwards Scherenhände in Tierskulpturen verwandelt, im Teich zappeln hungrig die Goldfische, ein Kinderspielplatz und eine Rinderweide grenzen direkt ans Anwesen. Eine Gruppe Schafe beäugt uns, während der Bock eifersüchtig darüber wacht, dass wir den Damen nicht zu nahe treten.

Lichtlanzen durchspießen das weiträumige Haus mit den vielen Art-déco-Details; wer es einst errichtet hat, muss einen orientalischen Tempel im Kopf gehabt haben, eine architektonische Schatztruhe, und meine Tante und mein Onkel haben diese in einem Dorf am Ende der Welt ausgebuddelt wie Schliemann das Gold von Troja. Doch Überraschung: In der Wohnküche meiner Tante riecht es nach Kindheit.

Es riecht nach überfüllten Vorratskammern und ewigem Sommer, nach Quarkspeisen und panierten Hühnerflügeln, nach sonnenverwöhnten Gurken und saftstrotzenden Pfirsichen und würziger kolbász; nach schmalen Miezen, die mit Frischmilch sich vollsaugende Weißbrotbrocken umschmeicheln. Immer weiter schubst mich der Geruch zurück in die Vergangenheit, bis ich ins Haus meiner Großmutter stolpere.

Ich rieche wieder die abblätternde Farbe auf dem Holz ihrer Küchenmöbel und die stark gezuckerten Kaugummikugeln, die mir die Nachbarin so gern zusteckt; ich erinnere mich an die lose eingehakte Tür, die neben der Arbeitsplatte hinaus in den vor Blumen, Trauben und anderen Gewächsen überquellenden Garten führt; den Wassermelonenmann („Dinnye! Dinnye!“), dessen Ware ich das erste Mal beim Jungen schräg gegenüber koste; die Sorg-, Zeit- und Ziellosigkeit kindlicher Ferien, ganz Hanno Buddenbrook am Strand; die staubtrockene Hitze, die uns zur Abkühlung an die majestätisch dahinfließende Donau zwingt, wo mein Onkel mir zwischen vorbeischwebenden Fischschwimmblasen das Schwimmen beibringt; den komp, also die Autofähre, die dort ausdauernd auf dem breiten Strom hin und her tuckert; die Münzen, die aus den Röcken meiner Oma in die Zimmerecken kullern, wo ich sie aufklaube, um grannysmithgrünes Apfeleis bei der leckersten Eisdiele der Welt zu kaufen: bei Szekeres, ein Wort, das schon auf der Zunge schmilzt wie eine Süßigkeit, von szeretlek, ich liebe dich, so wenig entfernt.

Ich lausche den Anekdoten meines kahlköpfigen Urgroßvaters; ich höre im undurchdringlichen Geäst über der Sackgasse die frühmorgens rufenden Tauben, die ich für Uhus halte, Hu-Huh, Hu-Huh; ich höre den lachenden Esel hinterm Haus und das rostige Quietschen, wenn sich ein Gartentor langsam schließt; ich sehe den gemütlichen alten Kater von nebenan, der für Schokolade Kunststücke vollführt; ich sehe Pircsi, meine ungarische beste Freundin, mit der ich bunte Mahlzeiten aus Blütenblättern zaubere, weit über die Dämmerung hinaus Federballturniere austrage und auf dem Fahrrad um die Wette Achter rase, bis ihr Lenker zu schnell schlenkert und sie plötzlich wimmernd am Boden liegt.

Ich sehe den Holzkiosk meiner anderen Tante und Omas Antiquariat und die drolligen Illustrationen ungarischer Kinderbücher; ich sehe das Blauweiß des Wasserturms über der Stadt und das Grün der Weinberge dahinter; ich sehe die Steine, die meine Cousine und ich bemalen und unseren Vätern zum Kauf anbieten, weil sich das so erarbeitete Klimpergeld in Szekeres-Eis und andere Köstlichkeiten investieren lässt; ich sehe die Schilfrohrstecken, die unsere Väter vom Donauufer über den Deich tragen, um hübsche, nicht funktionierende Flöten daraus zu schnitzen; ich sehe den Miniaturbauernhof des Vaters unserer Väter und den bleichen Mondfladen über uns, als wir eines Abends in den Zirkus gehen; ich rieche die Ausflüge zum Balaton und all die Tage, die ich in seinen pipiwarmen Wassern wate, um flinke kleine Nattern zu beobachten, die hier sikló heißen; ich rieche die Fischsuppe im Kessel über dem Feuer, diesen rotblubbernden Duft aus selbstgeangelten Karpfen, Hechten und Welsen, Zwiebeln und Tonnen von Paprikapulver.

Ich spüre die Müdigkeit während der Tausendkilometerreise und höre die Kuschelrock-Kassette, die mich auf der Rücksitzbank jährlich in erwartungsvollen Schlaf wiegt, bevor wir im Morgengrauen über die streng bewachte Grenze rauschen; ich spüre das Jucken meiner Schienbeine, die von blutiggekratzten Knubbeln übersät sind, und neben dem Ohr das aufdringliche Sirren der Stechmücken, die auf weitere Knubbel auf meinen Beinen aus sind; ich schmecke köstlich-klebrige Kakaoschnecken und Hörnchen namens kifli, die ich bergeweise zum Frühstück vertilge; ich schmecke die obligatorische Stärkung aus lángos und Himbeersirup im Schwimmbad und die Liter an Cola, die meine Schwester und ich mit meiner Cousine in uns hineinschütten dürfen, und den Regen, der nur selten fällt; ich höre Rod Stewarts „Motown Song“, zu dem wir Kinder einen Sommer lang bei jeder (!) Gelegenheit tanzen; ich höre im Dunkeln das Donnern des Krieges, der einige Kilometer südlich tobt, doch weiß das Kind nicht, was es hört; ich merke zu spät, dass das, was ich liebe, schon vergangen ist, bevor mir bewusst wird, dass es vergänglich war.

Glücklich war ich damals, viel glücklicher, als ich wahrnahm, und nun ist das Mosaik zersprungen und Erinnerungssplitter bohren sich in mein Herz, als ich mit der flachen Hand über die Küchenzeile meiner Tante streiche.

Dann steht auf einmal der Hund neben mir, mit einem Blick, als könnte er Gedanken lesen, als würde er Wallace und vor allem Gromit kennen. Er ist die jüngste Inkarnation all unserer Familienhunde, er beherbergt all die anderen ungarischen Gefährten in sich und ist mir genauso treuherzig ergeben wie seine Vorgänger, schon seit der ersten Begegnung. Es muss unser Rudelgeruch sein. In einem Moment, in dem er sich unbemerkt glaubt, stiehlt er meiner Tochter eine Spielzeugschöpfkelle, eine Socke, ein Handtuch und trägt alles behutsam nach draußen auf die Wiese.

Wird sich meine Tochter eines Tages an diese Momente erinnern? Wird sie einst die Bilder des Hundes betrachten, genauso wie ich im Fotoalbum den Hund meiner Oma betrachte, der das kleine Mädchen am anderen Ende der Leine zielstrebig auf eine Straßenkreuzung schleifte, weil er in der Donau baden wollte?

Meine Tochter zieht uns jeden Morgen um sieben auf den taubenetzten Spielplatz. Sammelt Stöcke, plantscht in Sandkastenmuscheln, streichelt den roten Kater Móric, klaut dem Hund das Kuscheltier. Sie lebt vollkommen in der Gegenwart und hat die Vergleiche des Heute mit dem Gestern nicht nötig. Ich beschließe, ebenfalls darauf zu verzichten und den bloßen Moment zu genießen.

Zähflüssig tropft durch unsere Finger die Zeit. Die Stunden sind ewig und schimmern im Garten unter sich wie Harfensaiten auffächernden Sonnenstrahlen. Der Ginkgo streckt uns seine Blätter der Freundschaft entgegen. Nach und nach trudeln weitere Teile der Familie ein; vier Generationen packen Geschenke aus, mampfen pipihús und rétes bis zum Umfallen und ruhen faul in den Korbstühlen im Schatten des Walnussbaums. So stelle ich mir das Paradies vor.

Und dann, viel zu schnell, ist die Zeit hinter den Pforten Edens jäh verronnen. Der Abschied von meinen Verwandten und der Gyöngyvirág utca schmerzt. Ein letztes Mal spaziere ich durch Domizil und Natur, schreite durch die Einfahrt. Noch ahne ich nicht, dass ich nie wieder hierher zurückkehren werde, dass meine Tante und mein Onkel bald darauf an den Plattensee übersiedeln werden, wo andere Abenteuer warten.

Die Wehmut wächst, als wir das Auto bis unters Dach vollstopfen. Jeder gesammelte Ast muss mit und natürlich der Kinderwagen und alles Essen, das in die Kühltaschen passt. Nach Hause geht es auf vier Rädern. Orte mit bedeutungsschwangeren Namen – Rum, Oed, Höll – säumen die Route nach Westen. Monotoner als monoton schiebt sich der Beton unter unsere Reifen, nachmittags mutiert die Sonne zum Endgegner.

Ich wäre gerne länger geblieben. Immer ist das Glück der Heimat so weit entfernt, so flüchtig, so bittersüß. Ich habe meinem Mosaik einen Erinnerungssplitter hinzugefügt und ein anderes Stückchen davon eingesteckt. Für die kalten Tage. In seiner Heimkehr nach Tipasa schreibt Albert Camus: „Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

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