The Walrus, the Icicle & the Englishman – oder wie Crosby, Stills & Nash anno 2013 eine zapfige Burg in Mittelfranken beheizten

Alt sind sie, die drei Woodstock-Veteranen dort oben im Rampenlicht.

Älter ist nur die mittelalterliche Kulisse: die Burg Abenberg, deren Turnierwiese bereits Wolfram von Eschenbach in seinem Parzival für marode befand. Kalt ist es obendrein, „fucking cold“, um mit dem Trio zu sprechen, das die arschkalte Sommernacht trotz allem in ein kuscheliges Love & Peace Gathering verwandeln wird. David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash haben als Aszendenten nach wie vor Blumenkind und die unsinkbare Sonne von San Francisco im Herzen.

Eigentlich hätte der Grantlhuber aus Kanada laut eigenem Tourplan ebenfalls mitrocken können. Wahrscheinlich war der Godfather of Grunge der schrulligen Altherrenrunde aber wieder mal zu Young (Achtung, Kalauer mit wahrem Kern) und zu wenig happy Hippie. Sei’s drum. CSN ohne Y sind nicht minder ein Erlebnis. Und mit der splendiden Trennungsgeschädigten-Hymne „Carry On“ gibt es als Begrüßungsgeschenk außerdem den ersten Track vom ersten Album mit „ole Neil“: Déjà Vu.

Danach bitte umsteigen in den „Marrakesh Express“ – und pünktlicher als die Deutsche Bahn bricht der Wolkenberg am Firmament entzwei und die Verfrorenen auf dem Orientteppich zwitschern ihre berühmten elysisch-polyphonen Gesänge mitten ins güldene Abendrot. Wenn schon am unmarokkanischen Wetter leiden, dann mit Stil. Wobei, unser aller Lieblingsberber Crosby hat seit ewigen Jahrzehnten immer noch nicht die inzwischen schneefarbene Wallemähne gekappt („Almost Cut My Hair“), konkurriert barthaarmäßig seit ebenso vielen Jahrzehnten mit dem Walross aus Alice im Wunderland und bibbert in einem Kapuzenhoody, der hinterher am Merchandising-Stand hängen wird.

Um nicht vollends vor die Hunde zu gehen, nippt er vom – O-Ton – ekelhaftesten Kaffee seines Lebens. Der „weird shit“, a.k.a. frische Songstoff, den der Koffeinierte präsentiert, wird vom Publikum allerdings freudiger aufgenommen als von Crosby der Muckefuck, und sogleich peitscht die Pumpe wieder Glückshormone durch den rauschmittelerprobten Körper, yee-haw!

Derweil friert Texas-Stills unter Goatee und Cabanjacke noch entsetzlicher als sein kalifornischer Kollege. Kontinuierlich reibt er die klammen Handflächen aneinander, tapst im Tiefkühlschrank der Bühne hölzern umher. Durch „Helplessly Hoping“ schlittern die Hörer auf (f)rostigen Stimmbändern. But who cares: Ohne den Erzrivalen Young im Nacken schraubt sich Eiszapfen Stills umso glühender in den Gitarrenolymp; der „Treetop Flyer“ liefert den für Fans unnötigen, doch genialen Beweis, dass aller Karrieren solo nicht stagnieren würden.

Und Nash? Für Eleganz trotz Unterkühlung ist wohl am ehesten er zuständig, der selbsterklärte „Englishman with no blood“, dessen Finger im schicken Ledermäntelchen nicht zu steif für Klampfe, Klavier, Harp und Tamburin werden. Passenderweise sind wärmende Melodien („Our House“!) das Nash’sche Spezialgebiet, was nicht heißt, dass uns seine „Cathedral“ nicht Gänsehaut bescheren würde. Der edle Engländer steht übrigens auf deutsche Frauen, oder wie er den Ungläubigen einschärft: „We’re old but we’re not that old!“

Politisch haben sich die angegrauten Gentlemen Crosby, Stills & Nash in den letzten Dekaden genauso wenig verändert wie musikalisch. Muss ja nicht immer verkehrt sein. Live wird der Nachlass der Supergroup nahezu mustergültig verwaltet, das Neue (etwa der Tibetprotestsong „Burnin’ For The Buddha“) fügt sich nahtlos in die Tradition ein. Maßgeblich mitverantwortlich zeichnet die beste Begleitband der Welt, darunter Crosby-Filius James Raymond am Keyboard. Kevin McCormicks Bass sorgt für das Brett, auf dem die Vokalharmonien in den imaginierten Westcoast-Himmel surfen. Der Rest ist Flower Power und Folkbluesrock.

Als Abschlusszuckerl schmelzen auf dem Trommelfell das allen Lehrern gewidmete „Teach Your Children“ und „Suite: Judy Blue Eyes“. Dann spendet Graham Nash ihnen den Friedenssegen, den heiter singenden, wunschlos zufriedenen Menschen jenseits der Fünfzig, die sich im proppevollen Abenberg tummeln und die, wenn sie nicht erfroren sind, auch heute noch von dieser konzertanten Zeitreise schwärmen können.

Drei alte Männer vor einer (k)alten Burg: nicht Woodstock, dennoch eine Sternstunde der Musikgeschichte.

Kommentare

  1. Ein super Artikel liebe Frau Husz. Vielen Dank.
    Es lebe Crosby, Stills, Nash und last but not least der gute Young.
    Durch Ihre Schreibkunst, Kristy Husz, wird die Musik der genialen Musiker wieder sehr präsent.
    Von mir aus kann die Burg zur „Harvest-Burg“ umbenannt werden…

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