– Stephen King
Einige Vögel sind nicht dazu geschaffen, eingesperrt zu werden. Sie haben ein zu glänzendes Gefieder. Und wenn sie davonfliegen, dann jubelt der Teil in mir, der weiß, dass es eine Sünde war, sie einzusperren. Und dennoch ist es da, wo man lebt, trauriger und leerer, wenn sie weg sind.
Niemals werde ich unsere erste Begegnung vergessen.
Es war der Sonntagabend nach einer durchtanzten Samstagnacht im Januar. Ich saß mit einer Katerkonter-Weinschorle am Cayman-Tresen und quatschte mit Bernie, als plötzlich Captain Jack Sparrow die Bar betrat.
Selbstbewussten Schrittes stiefelte der eher kleine Mann Anfang fünfzig durch die Tür. Langes rabenschwarzes Haar und diverses Bling-Bling hingen von ihm herab, ein verschmitztes Lächeln blitzte durch einen markanten Mund, die großen dunklen Augen unter der Hutkrempe funkelten. Wenn er nicht der coolste aller Piraten war, dann doch mindestens ein Cowboy oder Rockstar, der sich bloß zufällig nach Gunzenhausen verirrt hatte. Nur, dass niemand der Handvoll Leute im Raum davon Notiz zu nehmen schien.
Niemand, außer mir. Ich muss ihn wohl eingehend gemustert haben – man könnte auch sagen, fasziniert angestarrt –, denn er fing meinen Blick auf und kam an den Tresen.
Schon saß er im rechten Winkel zu mir auf einem der Hocker und grinste herausfordernd und es war der Anfang eines Gesprächs. Das Eis brach schnell. Bei manchen Menschen hast du bereits nach wenigen Minuten den Eindruck, sie ewig zu kennen. Wir blödelten herum und ich fühlte mich in seiner Gegenwart sehr entspannt. Er war witzig und flirty und jacksparrowmäßig leicht überdreht, aber baggerte mich nicht an. Was man nicht von jedem Fremden behaupten kann, der sich jemals ungefragt zu mir an den Tresen gesetzt hat.
Mit durchdringender Stimme, auf deren Boden Rauch, Alkohol und einige unterfränkische Einsprengsel lagerten, stellte er sich vor: „Ich bin der Fuzzi.“ Mehr musste er eigentlich gar nicht von sich geben. Sofort verknüpften sich in meinem Kopf Name und Anblick mit dem alten Freund aus Schul- und Jugendzentrum-Zeiten, von dem mir mein Stiefvater Herbert öfters erzählt hatte. Als ich Fuzzi daraufhin verriet, dass er mir aus den Erzählungen meines Stiefvaters – seines Kumpels Herbert – vertraut war, riss er seine großen dunklen Augen noch weiter auf und guckte mich ungläubig an.
Dann packte er Geschichten von damals aus. Die Abenteuer, die Herbert, Bernie und er miteinander erlebt hatten. Die Anekdoten, die an Kneipenabenden wie diesen hervorgekramt und aufpoliert werden und von Jahr zu Jahr noch etwas mehr vor Nostalgie und Sehnsucht nach der guten alten Zeit schimmern. Ich lauschte mit der Neugier der Zu-spät-Geborenen und raffte nicht, dass in jenen schwerelosen Tagen der Film meiner eigenen guten alten Zeit gedreht wurde. Bernie nickte hier und da und spülte ein Glas und die Welt drehte sich für diesen berühmt-berüchtigten magischen Moment nicht weiter, weil wir drei auf einmal Teil einer größeren Wahrheit waren. Wenigstens für eine Stunde.
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Wenn man aus stilistischen Gründen zwei Begriffe kombiniert, die sich gegenseitig ausschließen – zum Beispiel in dem Wort „bittersüß“ –, bezeichnet man dies als Oxymoron. In unserem Gespräch, das von der Vergangenheit bald in Richtung der vergangenen Musik und Popkultur driftete, tauchte ein Oxymoron auf. Fuzzi wollte es, den Zeigefinger emporgestreckt, korrekt benennen: „Das war ein, wie sagt man… ein Oktopus!“ Er merkte selbst, dass ihm der falsche Terminus eingefallen war, und wir brachen in Gelächter aus und wussten beide, dass er mich ein klitzekleines bisschen hatte beeindrucken wollen. Was ihm dem Oktopus zum Trotz gelungen war.
Wann immer ich ihm von da an im Gunzenhäuser Nachtleben oder bei Glubbspiel-Übertragungen begegnete, nickte und prostete er mir herzlich zu. Eingekeilt ins Kneipengetümmel und gebettet auf diesen leisen, feinen Respekt, der gelegentlich zwischen zwei wildfremden, aber einander anerkennenden Seelen wächst, tauschten wir spontane Gedanken aus. Seine großen dunklen Augen dabei stets ein Oxymoron aus traurig, schelmisch und gütig.
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Ein paar Jährchen später, Fuzzi war bereits schwer krank, suchte er aktiv Kontakt zu mir. Ihm schwebte eine Enthüllungsreportage in der Süddeutschen Zeitung vor, über Murkserei bei der Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken. Er hatte schließlich Insider-Informationen und wollte sie mit der Welt teilen. Meinen Schreibstil kannte er durch meine freie Mitarbeit beim Altmühl-Boten und er hielt mich für fähig, den ihm vorschwebenden Text zu verfassen. Ich fühlte mich geehrt.
Wir verabredeten uns per SMS zu einem ersten Sondierungsgespräch im Cayman. Bis heute verwahre ich in meinem Handy die menschelnde Nachricht, mit der er unser Date besiegelte: „Die Story ist topaktuell. Bis Sa vielleicht sogar mit Happyend. Das wird dein journalistischer breakthru von AB zu SZ, Spiegel und Stern. C u Dr. Fu“.
Am Stehtisch neben den Fenstern der Bar klang Fuzzis Stimme durchdringend wie eh und je. Doch die Krankheit hatte sie ihrer Verständlichkeit beraubt. Ich musste mich eingrooven, um die Worte entschlüsseln zu können. Nach einem Schluck Zaubertrank aus seiner Thermoskanne umriss er, wie er sich die Reportage vorstellte.
Sein Gesundheitszustand war für ihn übrigens kein Grund zum Klagen, kein Anlass für Bitternis. Im Gegenteil. Seit das vom Krebs zerfressene Stück seiner Zunge plötzlich abgefallen war – natürlich zeigte er mir die betreffende Stelle im Mund sogleich, eine Glanzleistung im schummrigen Licht über uns –, seitdem also blühte er auf wie seine zärtlich umhegten Pflänzchen und ich freute mich mit ihm.
Für irgendwann in den darauffolgenden Wochen lud er mich zu sich nach Hause ein, um im Rahmen meiner Recherchen die Pflänzchen zu betrachten oder um auch einfach nur gemeinsam Musik zu hören, und zwar in Schallplattenform. Vielleicht schaute ich angesichts dieses Vorschlags etwas zu überrascht, denn er setzte sofort sein liebenswürdigstes Lächeln auf, streckte die Hände hoch und sagte auf seine typisch offenherzige Art: „Ich tu dir nix, keine Angst! Du kannst mir vertrauen!“ Es war mehr als offensichtlich, dass das stimmte. Seine Augen konnten sowieso nicht lügen.
Leider durchkreuzte das Leben unsere Pläne und ich sollte weder die Pflänzchen noch die Musiksammlung zu Gesicht bekommen. Wie es manchmal so ist, blieben wir beide nicht hartnäckig genug an der Sache dran, verschiedene Verpflichtungen riefen, meine Mutter – derselbe Jahrgang wie Fuzzi – erkrankte ebenfalls an Krebs, dann schob die Pandemie allen zufälligen oder gezielten Kneipenbegegnungen ohnehin einen Riegel vor.
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Eines Tages entdeckte ich vor Else und Volkmar Theins Café Vanilla erstmals das sorgfältig geschmückte E-Bike, das dank bewundernswerter Wurschtigkeit für Musik in den Straßen von Gunzenhausen sorgte. An einem Platz im Freien las ein Mann mit Hut die Tageszeitung. Friedlich schien die Sonne auf dieses kleine Stillleben und ich ließ es unangetastet, obwohl ich mich am liebsten ungefragt dazugesetzt hätte…
Danach wirkte Fuzzi unter seiner Glubbfan-Rüstung bei jeder Begegnung zierlicher und zerbrechlicher, das lange rabenschwarze Haar war längst ab, aber seine Präsenz blieb ungebrochen stark. Bei Konzerten im Cayman gab er den zahmen Cerberus und überwachte die Abendkasse, und als das Kneipenquiz dorthin zurückkehrte, duellierten wir uns wie berauschte Kinder mit unserem Musikwissen. Klar, er gewann haushoch, doch ich hatte einige Achtungserfolge und er schüttelte mir die Hand. Im März 2025 kam Fuzzi in die Adebar, um The Folsometti live zu erleben. Seine Anwesenheit und seine Begeisterung waren nicht zu überhören.
Drei Tage nach dem Muttertag, einem für mich eher schwierigen Datum, saß ich an meinem Laptop und arbeitete an einem Artikel fürs GUNZENHAUSEN UNDERGROUND Magazin. Gegen Mittag schaute ich kurz auf die Browser-Seite, in der WhatsApp geöffnet war, und entdeckte eine Nachricht meiner besten Freundin Simone. Ich klickte den Chat an und las. Meinem Herzen versetzte es einen Stich.
Fuzzi war tot.
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Menschen wie Fuzzi sind seltene Gewächse. Jeder Ort, jede Generation bringt nur wenige von ihnen hervor. Sie berühren etwas in uns oder sie stoßen uns ab. Manche erkennen den Sanftmut hinter ihren kuriosen Blüten, andere achten nur auf die Stacheln. Manche bewundern sie für die Konsequenz, mit der sie sich eine bestimmte ökologische Nische zur Heimat machen. Andere verachten ihre Lebensart, wie sie das zähe Kraut zwischen den Pflastersteinen verachten. Manche fühlen eine stille Seelenverwandtschaft, ohne viele Worte zu wechseln. Und belassen es nach einer unbewussten, bittersüßen Logik dabei, so dass es eines Tages nicht noch mehr wehtun wird.
Wie viele Herzen Fuzzi berührt hat, zeigte seine Urnenbeisetzung. Fast die ganze Riege der Gunzenhäuser Nacht versammelte sich auf dem Gipfel des Friedhofs und zollte ihm gemeinsam mit seiner Familie den letzten Tribut. Die Vögel sangen mit Udo Lindenberg und Freddie Mercury um die Wette, der Wind kitzelte die Bäume, bis ihr Laub säuselte, und schob die Wolkenfetzen vor der warmen Mai-Sonne fort. Es herrschte kein Zweifel daran, dass die Show hinterm Horizont weitergeht.
Und das tat sie: Bei Bier und Zigaretten wurden anschließend im Biergarten Ponyhof Geschichten ausgepackt, als säße Fuzzi mitten zwischen den Trauernden. In den Folgewochen recherchierte ich für einen Nachruf im Underground-Magazin und traf etliche, teils junge Leute, mit denen er sich angefreundet, denen er Backgammon-Spielen beigebracht, die er mit schöner Musik angefixt hatte. Ich lernte mit Volkmar und Else Bruder und Schwägerin kennen, die köstliche Anekdoten zu erzählen wussten und dank derer ich tatsächlich die Plattensammlung zu Gesicht bekam – oder zumindest ihre Streamingdienst-Ausführung. Fuzzi schickte Menschen in mein Leben, bei denen jeder Austausch einer warmen Umarmung glich.
Dennoch fühlte ich mich die erste Zeit nach seinem Tod wie amputiert. Wie einer undefinierbaren Gewissheit beraubt. Ich brauchte eine Weile, bis ich realisierte, was genau ich verloren hatte. Zum einen natürlich die Zuverlässigkeit, mit der Fuzzi stets irgendwo in der Stadt auftauchte und jeden Laden durch seine schiere Gegenwart bereicherte. Eine Cayman-Bar ohne ihn? Unvorstellbar.
Zum anderen die Zuversicht, dass die Altersgruppe meiner Eltern für immer da sein würde. Sie hatte zu bröckeln begonnen, die Ränder fransten aus, und ich konnte rein gar nichts dagegen tun. Lediglich lernen, es zu akzeptieren.
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Jeder hat eine eigene Story, die er mit Fuzzi verbindet. Dies hier ist meine. Wir haben unsere Zeitungsreportage nicht geschafft, doch nun habe ich gleich zweimal trotzdem über ihn geschrieben.
Ich kannte Fuzzi leider nicht besonders lange und nicht besonders gut. Aber ich mochte ihn von der ersten Sekunde an. Und die Begegnungen mit ihm fehlen mir.
Ruhe in Frieden, Captain Jack Sparrow, Original und Freigeist, Oxymoron mit den großen dunklen Augen und dem glänzenden Gefieder. In meinen Träumen sitzt du neben meiner Mama und all den anderen, die zu früh gegangen sind, am Kneipentresen der Unendlichkeit und unterhältst dich mit ihr über Queen.
Deine Lieblingsband war auch ihre und lieferte den Soundtrack zu ihrer Jugend hinter dem Eisernen Vorhang. Mit etwas Glück singt Freddie jetzt exklusiv für euch.
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