„Ein künstlerisches Labor, in dem gearbeitet und nachgedacht wird“

Die Ateliergemeinschaft Schulstraße im Porträt

Uppe then Bergha vom April 2012

MÜNSTER – An der Eingangstür ein deutliches Zeichen wider Menschenrechtsverletzungen und für gesellschaftspolitisches Engagement: „FREE AI WEIWEI“ prangt in dicken Lettern zwischen Ausstellungsplakaten und den Namen der Ateliermitglieder, eine Postkarte des chinesischen Künstlers und Regimekritikers wurde neben den Türgriff geklebt. Richtet man den Blick entlang der Fassade des dreistöckigen Gebäudes nach oben, entdeckt man schwebende Vögel an Leiterseilen, mitten vor blau-weißen Himmel gespannt. Die Freiheit scheint zum Greifen nah. Doch „die Freiheit ist ein wundersames Tier“, wie der Liedermacher Georg Danzer einst sang, „und manche Menschen haben Angst vor ihr.“

Das wuchtige Gebäude der Ateliergemeinschaft, hier von der Grevener Straße aus betrachtet, beherbergt insgesamt 17 Künstlerlaboratorien.

Keine Angst haben muss man hingegen vor einer Kontaktaufnahme mit der Ateliergemeinschaft Schulstraße, deren Sprecher und 1. Vorsitzender, der Maler Thomas Hak, bei Kaffee und selbstgedrehten Zigaretten bereitwillig auf Geschichte und gegenwärtige Entwicklungen des Hauses eingeht. Die Geschichte ist eine wechselvolle: Zweimal wurde die 1983 von Hak mitgegründete, älteste Ateliergemeinschaft Münsters zu einem Umzug gezwungen, mehrmals zitterte sie um ihr Fortbestehen. Letzteres ist momentan von der Kulturverwaltung der Stadt für 15 Jahre gesichert, sofern über Belege und Aktivitäten regelmäßig Rechenschaft abgelegt wird.

Der erste Standort der Künstler, gelegen in der 2. Etage der ehemaligen Von-Einem-Kaserne in der Steinfurter Straße 107, musste Anfang 1996 geräumt werden. Auf dem Areal, dem heutigen Leonardo-Campus, hielt stattdessen unter anderem die Kunstakademie Einzug. Das zweite Domizil, die alte Eichendorff-Realschule in der Schulstraße 22, fiel der Planung eines neuen Wohnquartiers im Kreuzviertel zum Opfer; in den früheren Schulräumen sollten Eigentumswohnungen entstehen. Einen Steinwurf entfernt bekam die Ateliergemeinschaft Ende 2009 ihren Platz schließlich in einem Neubau in der Schulstraße 43, dessen komplette Fertigstellung sich zwar längere Zeit hinzog, der mittlerweile jedoch, Thomas Hak grinst, „eine fast fertige Baustelle“ ist.

Kleine Baustellen und Laboratorien der Kreativität sind sie, die insgesamt 17 Ateliers, die aktuell von 20 Künstlern genutzt werden. Zu erreichen sind sie per Aufzug oder über eine ausladende, mit Topfpflanzen dekorierte Treppe, die träge durch die einzelnen Geschosse mäandert. Hinter nummerierten und handschriftlich mit Namen versehenen Türen haben sich Maler, Bildhauer, Installationskünstler, Fotografen und andere Kunstschaffende eingerichtet. Jeder kann sein eigenes Arbeitskonzept verfolgen: Manch einer gebraucht die Räumlichkeiten als Konzeptionsstätte oder Lagerhalle, manch einer kreiert und produziert vor Ort.

Der Maler in seinem Element: Klaus Geigle in Arbeitskleidung in seiner spartanisch möblierten Werkstatt.

Alle Künstler der Ateliergemeinschaft sind sorgfältig ausgesuchte Absolventen der Münsteraner Kunstakademie, zu der man in der Schulstraße 43 – wie zu der Zukunftswerkstatt und den Geschäftsleuten des Kreuzviertels – eine enge Bindung pflegt. Die geographische Nähe der beiden Institutionen bringe regelmäßig schöne Synergieeffekte mit sich, so Hak, doch dürfe man die eigene Selbstständigkeit darüber nie aus den Augen verlieren. Wie bei interdisziplinärer Zusammenarbeit im Wissenschaftsbetrieb komme es auf das richtige Maß zwischen spezifischer Identität und wechselseitiger Befruchtung an. Ein besonderer Pfeiler der Kooperation mit der Kunstakademie ist die jährliche Aufnahme zweier Gaststipendiaten. Sie werden im Februar im Rahmen des „Rundgangs“ der Kunstakademie ausgewählt, welche ihnen kurz darauf ein zwölfmonatiges Atelierstipendium gewährt. In diesem Jahr dürfen sich sogar drei Studierende mit der Auszeichnung schmücken.

Die gute Altersmischung der Ateliermitglieder ist nicht nur den jeweiligen Stipendiaten geschuldet. Sie geht ebenso auf die Tatsache zurück, dass es sich bei einigen Künstlern noch um Vertreter der ersten Generation niedergelassener Absolventen der Kunstakademie handelt. In der Möglichkeit der Niederlassung ist auch der eigentliche Ursprung des Atelierhauses zu suchen: Die wortwörtlich „aus dem Nichts gekommene“ Gemeinschaft wollte der jungen Hochschule damals „das Feld bereiten“, wie Thomas Hak, Meisterschüler von Hermann-Josef Kuhna, es ausdrückt, und ihren Künstlern geeignete Arbeitsräume anbieten, um den Absolventen-Exodus aus Münster aufzuhalten. Dass dies gelungen ist, beweist die Menge der Untermieter, denen dieser „künstlerische Pool“ seit seiner Gründung als Auffangbecken dienen konnte. Ein weiteres Beispiel für den Erfolg des Hauses ist der Nachwuchs, der sich bei vielen Kunstschaffenden im Schutz der unbefristeten Ateliermitgliedschaft immer wieder einstellt und gleichfalls die festere Verwurzelung in der Stadt fördert.

Von diesen positiven Bilanzen darf man sich aber nicht täuschen lassen. Laut Hak sei „das Pflänzchen Kunstszene in Münster noch immer relativ klein“ und trotz ihres lokalen, überregionalen und internationalen Wirkens müssten nicht wenige der Schulstraßen-Künstler einem meist pädagogisch oder therapeutisch orientierten Nebenberuf nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Thomas Hak selbst ist für die künstlerische Begleitung des vom Förderkreis Sozialpsychologie eingerichteten Atelier+ verantwortlich, das künstlerisches Tun und gesellschaftliche Teilhabe psychisch erkrankter Menschen unterstützt.

Und dennoch, das Fehlen robuster, etablierter Strukturen, wie sie etwa Düsseldorf besitzt, lässt sich auch als günstige Chance begreifen, um sich zu erproben, zu experimentieren – Irrtümer vorbehalten – und das kulturelle Leben von Stadt und Region entscheidend mitzuprägen. Für eine vitale Begegnungskultur tut die Ateliergemeinschaft, seit Längerem ein eingetragener Verein und mit Überzeugung kein abgekapselter Elfenbeinturm, so einiges: Im September ist man traditionell bei der „Nacht der Museen und Galerien“ zugegen und präsentiert sich mit einer Kabinettausstellung in einem LKW auf dem Prinzipalmarkt. Die große Jahresausstellung zeigt im November alle Werkstätten in der Schulstraße dem Publikum und empfängt regelmäßig über 1000 Besucher. Um das Haus nuancierter vorzustellen, sind darüber hinaus wieder öffentliche Ateliergespräche geplant. Auf regionaler Ebene vernetzt man sich mit der Westfalen-Initiative und dem Landschaftsverband, und selbst im europäischen Rahmen ist man aktiv und repräsentiert die Stadt zum Beispiel beim Austausch mit niederländischen und spanischen Ateliers.

Am Küchentisch entspinnen sich regelmäßig Gespräche zwischen den Künstlern. Und manchmal stehen sie hier Gästen Rede und Antwort, wie etwa die Japanerin Satomi Edo.

Allen Brückenschlägen zum Trotz dürfe allerdings nicht vergessen werden, wie Thomas Hak betont, dass die Gemeinschaft primär das Ziel professioneller Arbeitsbedingungen verfolge und niemand gleichzeitig produktiv sein, die eigene Kunst vermarkten und Beziehungen knüpfen könne. Da für die Ateliermitglieder jedoch all dies auf seine Weise überlebenswichtig sei, komme es vor allem auf eine nachhaltige Stärkung kultureller Vielfalt auf Landesebene an, ein Punkt, bei dem Hak durchaus noch Diskussionsbedarf sieht. Zusammen mit anderen Einrichtungen, wie dem Förderverein Aktuelle Kunst in der Fresnostraße, dem Speicher II im Hafenweg oder dem jungen Galeriehaus H18 in der Hüfferstraße, sei dagegen vieles getan, um die Grenze zu einem funktionierenden Kunstmarkt zu überwinden, wenngleich künstlerische Qualität natürlich nicht an die Existenz eines Marktes gekoppelt sei.

Langsam wird es Mittag in der Schulstraße 43, die Frühlingssonne bahnt sich gleißend ihren Weg durch das große Eckfenster im dritten Stock. Töpfe, Pfannen und Tassen stapeln sich in dem überhohen Küchen- und Gemeinschaftsraum fast bis zur Decke. An einem abgewetzten Esstisch wird hier sonst über einzelne Arbeiten, die bei aller Verschiedenheit doch oft denselben Voraussetzungen unterliegen, debattiert; manche kleine Versammlung kommt auch in einem der Ateliers zustande. Ein offenes Klima ist den Künstlern wichtig, eine Kultur des Dialogs und der Unterstützung, und handele es sich bei Letzterem manchmal nur um die Weitergabe eines Schraubenziehers. „Konkurrenzgedanken bleiben“, wie Hak bemerkt, »außen vor.“

Der Maler entzündet eine neue Zigarette und erzählt von seiner eigenen Rolle innerhalb des Hauses. Als Ansprechpartner für Ateliersuchende, den Stadtteil, das Kulturamt sowie den Bauherrn und die Handwerker der Wohn+Stadtbau GmbH, ist er wohl ein bisschen Botschafter, Informationsbüro und Hausmeister zugleich. Wer in diesem Kontext Fragen hat oder zu einem Mitglied der Gemeinschaft keinen Kontakt herstellen kann, ist daher gut beraten, sich direkt an Thomas Hak zu wenden, der unter den Telefonnummern 0174/4674906 und 0251/25237 und unter der E-Mail-Adresse thomashak@t-online.de erreichbar ist.

Bei einer Führung durch die oberste Etage kommt Hak auf die soziale Kompetenz zu sprechen, welche die Aufnahme in die Ateliergemeinschaft mit sich bringe – man lerne, sich konstruktiv in eine übergeordnete Sache einzubringen, als Gruppe Projekte umzusetzen und Verantwortung für gemietete Räumlichkeiten zu übernehmen. Dann gewährt er Einblick in die Werkstatt der Bildhauerin Verena Püschel, die momentan an einer wuchtigen Gipsskulptur arbeitet. Puristisch mutet das Studio des Malers Klaus Geigle an, seit 2009 im Haus und zufälligerweise „mit einem Picasso-Ringelshirt bekleidet“, wie er vor der Kamera lachend feststellt.

Durchaus stolz auf seine „Schützlinge“ ist Thomas Hak, Sprecher und 1. Vorsitzender der Gemeinschaft, und präsentiert für die Kamera Ausstellungskataloge von Satomi Edo.

Als Thomas Hak in die Küche zurückkehrt, gesellt sich die Bildhauerin und Installationskünstlerin Satomi Edo mit dem winzigen Modell einer Zeltlandschaft hinzu. Die Gaststipendiatin und seit zehn Jahren in Deutschland lebende Japanerin ist eine moderne Nomadin und hat Fremdheit, Wanderschaft und Heimatlosigkeit zu ihren Schwerpunktthemen erkoren. Aus dem Modell, das nun vor ihr liegt, hat sie die Installation „Nomade“ entwickelt, deren Zelte nicht zufällig an die Zufluchtsstätten japanischer Obdachloser erinnern. Das Projekt „Wohnsitz“ kombiniert dafür IKEA-Regale, Kartons und Videoprojektionen zu einem mehrschichtigen Abbild der Wurzellosigkeit zwischen zwei Kulturen. Mit drei Studienkolleginnen hat sie ein Künstlerteam gegründet, das 2011 unter dem Titel „(un)heimlich“ in Göttingen ausstellte und bei der letzten Jahresausstellung auch in der Schulstraße zu Gast war.

Während Satomi Edo einige prägende Stationen ihres Lebens umreißt, stellt sie ein paar selbstgebackene Haselnussplätzchen auf den Tisch. Thomas Hak hört ihr, die Lesebrille auf die Nase geschoben, aufmerksam zu. Er scheint sich in einem vorherigen Ausspruch bestätigt zu fühlen, dass das Packendste an der Ateliermitgliedschaft, neben dem künstlerischen Austausch und Zusammenhalt, vor allem die interessanten Einzelpersönlichkeiten seien. Er hat nicht unrecht.

Zum 20-jährigen Bestehen der Gemeinschaft 2003 publizierte er einen umfangreichen, bei den städtischen Bibliotheken einsehbaren Jubiläumsband, in dem er die mitunter schwierigen Bedingungen junger Kunst und Kultur in Westfalen und das Wirken vieler Einzelpersönlichkeiten akribisch dokumentierte. Auf die Ideen anlässlich des 30. Geburtstages der Ateliergemeinschaft Schulstraße im kommenden Jahr darf mit Spannung gewartet werden.

„Jetzt geht nur noch Papst“

Kurzweilige Lesung und Diskussion mit dem Gauck-Biografen Norbert Robers im Kreuzviertel

Uppe then Bergha vom April 2012

MÜNSTER – Als Joachim Gauck am 18. März von der Bundesversammlung mit großer Mehrheit in das höchste Staatsamt gewählt wurde, sollte sich schließlich bewahrheiten, was Norbert Robers bereits im Jahr 2000 mit dem letzten Satz seines Buches „Joachim Gauck. Die Biografie einer Institution“ prophezeit hatte: „Die politische Karriere des Joachim Gauck, diese Voraussage sei gewagt, ist noch nicht zu Ende.“

Gauck-Biograf Norbert Robers (r.) ist derzeit ein gefragter Veranstaltungsgast. In der Zukunftswerkstatt Kreuzviertel wurde er dem Publikum von Werner Szybalski vorgestellt.

Mitte März ist nun unter dem Titel „Joachim Gauck – Vom Pastor zum Präsidenten“ die aktualisierte Neuauflage der ersten und einzigen Gauck-Biografie erschienen, die Norbert Robers dieser Tage zu einem begehrten Gesprächspartner macht. Auf Einladung von Chefredakteur Werner Szybalski war Robers am Abend des 22. März im Bürgertreff Uppenberg der Zukunftswerkstatt Kreuzviertel zu Gast, um aus seinem Buch zu lesen und mit dem Publikum die Frage „Wer ist Joachim Gauck?“ zu diskutieren. Die Veranstaltung in der Schulstraße 45 war bereits für den 15. März geplant gewesen, musste jedoch um eine Woche verschoben werden, da der gefragte Biograf für denselben Tag kurzfristig in die ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ eingeladen worden war.

Dass Norbert Robers in Münster kein unbeschriebenes Blatt ist, merkten die gut 30 Besucher, die sich im Veranstaltungsraum eingefunden hatten, ziemlich schnell: Da der Vorsitzende der Zukunftswerkstatt, Herbert Stallkamp, an jenem Abend verhindert war, übernahm Werner Szybalski die Vorstellung des Journalisten Robers, mit dem ihn aus der gemeinsamen Zeit bei den „Westfälischen Nachrichten“ und der DJK Grün-Weiß Marathon Münster eine langjährige Freundschaft verbindet und der seit Oktober 2009 Pressesprecher der Westfälischen Wilhelms-Universität ist.

Als Robers, ausgestattet mit einem Headset, selbst das Wort ergriff, war ihm die Freude über die Wahl Gaucks zum Bundespräsidenten deutlich anzumerken: Ein höheres Amt könne Gauck nicht mehr erreichen, außer das des Papstes vielleicht, aber das verbiete ja die evangelische Konfession. Dann erzählte Robers, wie es überhaupt zu der Arbeit an einer Gauck-Biografie gekommen war. 1994, im Rahmen seiner Beschäftigung mit der Stasi-Behörde für das Nachrichtenmagazin „Focus“, sei ihm aufgefallen, dass es zu dem Leiter der Behörde bis dato keine Literatur gab – eine Lücke, die er bald zu schließen gedachte, auch wenn Joachim Gauck auf den entsprechenden Vorschlag zunächst verhalten reagiert habe: „Och, nö“, seien die Worte gewesen, mit denen Gauck das Vorhaben Robers’ damals abzulehnen schien, doch „im Aufeinandertreffen eines westfälischen und eines mecklenburgischen Sturkopfes“ habe dann, wie Robers seinem amüsierten Publikum mitteilte, bekanntlich der Westfale gewonnen.

Aus der Neuauflage des in engem Kontakt mit Gauck entstandenen Buches las der Autor anschließend mehrere Abschnitte vor, wobei er sich für ein chronologisches Herangehen an die lange Vita des Bundespräsidenten entschieden hatte. Die erste Textstelle war den frühen 1950er Jahren und der Verschleppung des Vaters nach Sibirien gewidmet, also der Lebensphase, die Gauck zum erklärten Antikommunisten werden ließ. Danach beleuchtete Robers die Schul- und Studienzeit Gaucks, von der frühen Heirat über die Aufnahme eines Theologiestudiums bis zur Identitätskrise 1963, die ein Nervenarzt zum pathologischen Fall aufgebauscht habe. Hiernach konzentrierte Robers sich auf die Arbeit Gaucks als Pastor in Rostock, wo er ab 1974 die Aufmerksamkeit der Stasi auf sich zog, und auf die beginnende politische Rolle in der Wendezeit, während der Gauck für ein Bleiben in der DDR plädierte, denn „die, die uns verlassen, hoffen nicht mehr.“

Die Jahre in der „Gauck-Behörde“ standen als Nächstes im Vordergrund, bevor Robers auf den neuen Teil des Buches zu sprechen kam, der sich vor allem mit der zweiten Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten befasst. Schmunzeln mussten die Zuhörer über die hemdsärmelige Art, mit der Gauck gegenüber Angela Merkel einer erneuten Nominierung zugestimmt habe: „Okay, ich bin einverstanden. Ich mach’ das.“ Am Ende der Lesung bemerkte Robers, auch im Hinblick auf die kommenden fünf Jahre, dass Gauck „kein Mann des Mainstreams“ sei, sondern jemand, der weiterhin aus jeder Schublade springen werde.

Im Anschluss entspann sich zwischen dem Biografen und dem Publikum eine lebendige Diskussion, bei der ebenso Details aus der Privatsphäre der Familie Gauck wie politische Fragen erörtert wurden. Dabei zeigte sich, dass Robers von dem „Herausgepicke einzelner Wortfetzen“ aus den Reden Gaucks in den letzten Wochen nicht viel hält und eine breite Aufstellung des Bundespräsidenten zu den unterschiedlichsten Themen, seien es Europa, soziale Gerechtigkeit, die ökumenische Bewegung oder Rechtsradikalismus, erwartet.

Die letzte Frage, bevor mancher die Gelegenheit zum Erwerb der Biografie nutzte und die Runde sich in lockere Grüppchen zersetzte, zielte auf den zweimaligen Widerstand Angela Merkels gegen eine Präsidentschaftskandidatur Gaucks. Für Robers lagen die Gründe auf der Hand: Obwohl beide Volksvertreter dieselbe Herkunft eine und man sich persönlich nahestehe, habe Merkel zugleich mächtige Interessengruppen zufriedenstellen und aus taktischen Gründen klassische Parteipolitiker bevorzugen müssen. Mit Gauck, der vom Volk gerade wegen seines fehlenden Parteibuchs geschätzt werde und dem ein Maximum an Freiheit und Neutralität wichtig sei, werde Merkel nun aber ein sehr positives Verhältnis pflegen. Für Prophezeiungen hat Norbert Robers, wie man weiß, ein gutes Händchen.

Nischen, Blenden, Spannung

Prof. Dr. Rudolf Fantini über die Besonderheiten Schlaun’schen Bauens

Uppe then Bergha vom März 2012

MÜNSTER – Für den Abend des 9. Februar hatte das Bildungsforum der Katholischen Pfarrgemeinde Heilig Kreuz zu einem Diavortrag mit dem Titel „Die Meisterwerke des Johann Conrad von Schlaun in Münster“geladen. Gut 25 Freunde schöner Architektur fanden sich in den Räumlichkeiten des Pfarrzentrums Heilig Kreuz in der Maximilianstraße 59 ein, um dem gefragten Referenten Prof. Dr. Rudolf Fantini zu lauschen, dessen Ausführungen vor allem um eine Frage kreisten: Was macht Schlauns Werke so besonders und meisterhaft?

Auch die einzelnen Gestaltungsentwürfe Schlauns wurden von Prof. Dr. Rudolf Fantini detailliert erläutert.

Zur Beantwortung dieser Frage setzte Fantini weniger auf Daten und Zahlen, sondern appellierte an visuelle Wahrnehmung und ästhetisches Empfinden, die er mit einer umfangreichen Sammlung selbst angefertigter Dias anregte. Diese sollten einen persönlichen Besuch der abgelichteten Gebäude jedoch keinesfalls ersetzen, denn Fantini betonte auch: „Barocke Architektur erfährt man am besten in Bewegung.“

Zum Einstieg präsentierte er Bauwerke, die Schlaun wichtige Impulse geliefert haben dürften. Johann Conrad von Schlaun (1695-1773) unternahm, bevor er die hiesige Region mit einigen ihrer kunstvollsten Bauten ausstattete, ausgedehnte Reisen nach Süddeutschland, Frankreich und Italien, um sich mit den Hauptvertretern des Hochbarock vertraut zu machen und zu eigenen Werken inspirieren zu lassen. Vor allem Rom und die dort ansässigen Architekten Bernini und Borromini beeindruckten ihn und hatten Auswirkungen auf seine eigene Formensprache, wie Fantini mit mehreren Dias veranschaulichte.

Am Beispiel des Fürstbischöflichen Schlosses, des Erbdrostenhofes und der Clemenskirche ging er sodann konkreter auf die Schlaun’sche Architektur ein, wie sie in Münster zu entdecken ist. Alle Gebäude eine, so Fantini, die Betonung der Vertikalachse, das Spiel mit rotem Backstein und gelbem Sandstein, der Einsatz spannungsreicher Proportionen und die Vielschichtigkeit der Wandgestaltung, bedingt durch Ziegelblenden, Mehrfachnischen sowie die Verwendung konvexer und konkaver Schwingungselemente. Besondere Meisterschaft in Letzterem erreiche der Erbdrostenhof, den Schlaun, mit Rücksicht auf die städtebaulichen Gegebenheiten, als Verschmelzung des französischen Palais und des italienischen Palazzo entwarf und dessen dynamisch gebogene Form seine Betrachter und Besucher förmlich einsauge.

Fantini verstand es, seinen Zuhörern die besonderen Stilelemente Schlauns in neunzig Minuten lebendig nahezubringen und auch Laien die Originalität des „letzten großen Baumeisters“ zu verdeutlichen. Die meisten Gäste dürften fortan merklich sachkundiger an den Meisterstücken Johann Conrad von Schlauns in Münster vorbeispazieren.

Alles ist möglich

Die aktuellen Tendenzen und Positionen junger Kunst sind vielschichtig wie nie

Uppe then Bergha vom März 2012

MÜNSTER – Wer sich zwischen dem 2. und dem 5. Februar auf der Flucht vor dem Frost für einen Besuch des Leonardo-Campus entschied, wurde reich belohnt: Hier lud die Kunstakademie Münster zum traditionellen „Rundgang“ ein, der großen Jahresausstellung ihrer Studierenden.

Durch das Foyer wabern der süße Geruch frisch gebackener Crêpes und leises Stimmengewirr. Ein buntes, viereinhalb Meter breites Ölgemälde von Qiwei Zhang aus der Klasse Klaus Merkel zelebriert den globalen Siegeszug sinnfreier Artillery-Computerspiele. Statt auf animierte Schweinchen wird jedoch auf Großstadt-Silhouetten gezielt – und auf alles, was sich ringsum bewegt.

Ist der Andrang am Morgen des Abschlusstages noch überschaubar, entwickelt sich die Ausstellung am Nachmittag zum Besuchermagneten. Auf den Gängen und in den Räumen der dreizehn Künstlerklassen bilden sich langsam Menschentrauben in Parkas und Wintermänteln. Sie verweilen andächtig vor großformatigen Acrylbildern, schmunzeln über eine originelle Installation oder mustern eingehend filigrane Skizzen.

Die überall ausliegenden E-Mail-Listen, Visitenkarten und Kataloge erleichtern die Kontaktaufnahme zwischen potenziellen Käufern, Studierenden, Akademiebewerbern und Lehrenden. Manchmal kommt man direkt mit den jungen Künstlern ins Gespräch, manchmal mit anderen Kunstinteressierten. Zwei Damen mit französischem Akzent diskutieren angeregt die surreal anmutenden Mimikry-Landschaften Jana Röthers und die fotorealistischen Porträts Julia Drahmanns aus der Malereiklasse von Paul Schwer. Die Klasse hat, neben denen von Ayşe Erkmen, Irene Hohenbüchler und Aernout Mik, dieses Jahr ihren ersten Publikumsauftritt.

Alejandro Sánchez Núñez aus der Klasse Fischer hat mit Wasserfarben zarte „Auras“ festgehalten.

Zwei Gesamtkunstwerke, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, stellen die Klassen von Daniele Buetti sowie von Maik und Dirk Löbbert dar. Die Löbbert-Klasse hat sich zum Minigolfklub zusammengeschlossen und skurrile Golfbahnen gebaut, die für regen Zustrom sorgen: Wer will, kann mitspielen und zum Beispiel testen, wie man ein Plastikfrauenbein anstelle des handelsüblichen Schlägers schwingt. Ein Spaß, den nicht wenige ausprobieren. Buettis Schüler lassen unter dem Projektnamen „Ruffy Puffy Muffy“ Computerstimmen zu Wort kommen. Die in einem abgedunkelten, schallgedämpften Raum gelesenen Texte sind menschlichen Ursprungs, die Rezitatoren hören sich bloß so an. Unmerklich verschwindet die Grenze zwischen Mensch und Maschine.

In der Klasse Michael van Ofen hat sich Fallon-Delphine Marschhäußer dagegen mit der „Veraffung“ des Menschen beschäftigt. Orange leuchtend wie ein Orang-Utan, ergreift ein kleiner Primat Besitz vom Kopf eines grünen, amorphen, möglicherweise männlichen Wesens. Erneut verschwimmen die Grenzen: Wer ist hier eigentlich Mensch und wer Tier? Ähnlich rätselhaft und wandelbar begegnet das „Kartoffelmädchen“ Sören Beinekes. Marian Gayk aus der Klasse Henk Visch zeigt dazu passend eine Familienwand der etwas anderen Art. Statt der typischen Portätfotografien gibt es plastische Antlitze aus verschiedenen Materialien, die den wahren Charakter der Abgebildeten zu enthüllen scheinen. Jemandem wächst, man kann gar nicht anders, als länger hinzustarren, ein halbes Pferd aus dem Gesicht.

Zwei Säle weiter, bei den Schülern Suchan Kinoshitas, wartet eine Wunderkammer. Hyun A Kang versammelt in einer alten Vitrine organische Fundstücke und liefert damit einen Beitrag zu der vom Philosophen Nelson Goodman gestellten Frage: „Wann ist Kunst?“ Liegen Äpfel und Mandarinen in unseren Obstschalen, betrachten wir sie als Essen. Liegen sie, teils präpariert, in einem Glasschrank, der in einem Museum steht, so werden sie zum Kunstobjekt – vorausgesetzt, es finden sich andere, die diese Sichtweise akzeptieren.

Ein kleines Mädchen betrachtet versunken die Spielzeugeisenbahn auf dem Gemälde Qiwei Zhangs.

Zum kurzen Innehalten im Rausch der Farben und Formen verführt das Café der „fylmklasse“ von Andreas Köpnick; vor allem Frauen verweilen auch längere Zeit auf den Fluren der Klasse Lili Fischer, wo Hanna Kier entlang einer Fensterscheibe sechs Kaninchenskulpturen aus Beton platziert hat. Fünf der an Albrecht Dürers „Feldhasen“ erinnernden Kaninchen ducken sich draußen, eines sitzt drinnen. Wer sich sehnsüchtiger zu wem wünscht, bleibt dem Auge der Gäste überlassen.

Paula Baader, die das diesjährige Ausstellungsplakat entworfen hat, studiert bei Cornelius Völker und malt irisierende Kreisbilder, die Gedanken an Konfettiregen und die fünfte Jahreszeit aufkommen lassen. Bevor man diesen Einfall weiterverfolgt, heißt es die üppig dargebotenen Tendenzen junger Kunst auf einen Nenner bringen. Viele Arbeiten, das fällt auf, regen zum Überdenken vermeintlicher Sicherheiten an, fordern wie eine Kippfigur einen Blick, der zum Hin-und-her-Gleiten zwischen zwei entgegengesetzten Polen bereit ist, bis er letztlich genau auf der Schwelle zwischen beiden verharrt. Damit spiegelt der „Rundgang “ das aktuelle Zeitgeschehen ebenso, wie er beweist, dass nichts unmöglich ist.