Von Gänsen und Menschen

Neulich schlage ich die Heimatzeitung auf und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Prominent auf Seite 1: ein Artikel (der wievielte seiner Art eigentlich?) über die gar schlimm furchtbare „Gänseplage“ am Altmühlsee. Auf sage und schreibe 2800 Tiere schätzt man die Population bereits – Weltuntergangsstimmung am Badetümpel! So eine ihrer natürlichen Feinde beraubte Gans soll gefälligst zum Fest der Nächstenliebe wohlgemästet im Ofen brutzeln und nicht an hiesigen Ufern das Grün abknabbern und zum Dank auch noch auf den Strand kacken!

Auf die allerletzte Seite des Käseblättchens hingegen hat es ein offenbar ziemlich unwichtiges Thema geschafft: ein Bericht über eine 150-Teilnehmer-Demo gegen die Flüchtlingspolitik der EU. Zugegeben, die Demo fand in Weißenburg statt. Deshalb hat das Ertrinken von Menschen im Mittelmeer für den gemeinen Gunzenhäuser also weit weniger Brisanz als das Vogeldrama vor unserer Haustür. Zumal bei Hundstagehitze die Benutzung des menschlichen Hirns out ist (Nächstenliebe ist sowieso alle) und allein der Sprung ins kühle Nass zählt – wofür man vorher eben durch Tonnen von Geflügelkot waten muss, igitt!

Was die umliegenden Landwirte so an Kot, äh, Gülle in diesen See pumpen (Stichwort Blaualgen)? Ach, scheiß drauf! Was die sommerliche Dauerpartymeile rings um die Fluten (See in Flammen inklusive Höhenfeuerwerk, Houseflug Open Air, bis kurz vor die Vogelinsel cruisender Disco-Dampfer etc. pp.) mit der Natur und mit Naturerholungsuchenden anstellt? Ach was, das juckt doch höchstens ein paar Umweltspinner! Lieber aus vorgeschobenen Gründen schnell die bebrüteten, lärmpuffernden, schattenspendenden Bäume und Büsche am Damm wegmähen, nicht dass versehentlich ein Mensch auf die Idee kommt, hinter dem Paravent der Vegetation ebenfalls mal auf den Strand kacken zu wollen.

Nun ist aber Gott sei Dank endlich die Entschärfung der Gänsetretminen in Sicht: Unser Altmühlstädtchen bekommt – nein, keine Problemgans-Einflugschneise wie andernorts, sondern ein Schießkino (die Verdrehung von Buchstaben verbietet sich)! Nachdem ja der Nürnberger Bürgermeister Vogel (wer im Glashaus sitzt…) ab sofort das Federvieh am Wöhrder See von vermeintlichen Profis abknallen und diese die Anzahl der „entnommenen“ Tiere selbst festlegen lässt, scheinen die findigen Parlamentarier Schildas Gunzenhausens gleich noch effektivere Pläne zu haben. Und zwar folgende:

Ohne Befähigungsnachweis kann im Schießkino auf alles geballert werden, worauf der Polizist/Sportschütze/Jäger/Gewaltfantast/Reichsbürger halt gerade Lust hat. Wer dann gut in Übung ist, darf sich im dazugehörigen Waffen-Outlet ohne Zeitverlust mit ansprechender Ware eindecken (Dokumente werden nachgereicht, die Wirtschaft geht immer vor), mit dem Panzer-SUV zum Altmühlsee rasen und die Hatz auf geflügelte Störenfriede eröffnen. Alles, was ins Fadenkreuz flattert, ist vogelfrei – und die Stadt spart sich das Jagdpersonal!

Natürlich ist das Szenario nicht ohne Tücken. Es ist nicht auszuschließen, dass die auf diese Weise geweckten niederen Instinkte so manchen Krieger gegen die animalischen Absonderungen irgendwann auf die falsche Fährte bringen. Früher oder später könnte er sein Zielfernrohr auch auf andere „ungebetene“ Gäste in unseren Landen richten. Solange jedoch in einigen Gegenden Deutschlands lautstark das „Absaufen“ von Flüchtlingen verlangt wird und Widerstand dagegen nicht mehr als eine Randnotiz der Zeitung darstellt, braucht man sich eigentlich nicht zu wundern.

In diesem Sinne: Waidmannsheil!

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