Von Nagern, Déjà-vus und ewigem Sonnenschein

Am Verhalten eines kleinen Waldmurmeltiers, das jedes Jahr an Mariä Lichtmess aus seinem Bau gezerrt und dazu genötigt wird, einen Blick auf den eigenen Schatten zu werfen, meint man an mehreren Orten in den USA und Kanada ablesen zu können, wie lange der Frühling noch auf sich warten lässt. Der bekannteste jener possierlichen Pelzträger ist „Punxsutawney Phil“. Scheinbar unsterblich, entscheidet er im US-Bundesstaat Pennsylvania bereits seit 1887 über das Ende des Winters und bekam in der Komödie Groundhog Day (Und täglich grüßt das Murmeltier) ein unvergessliches Denkmal gesetzt.

Am „Groundhog Day“ erblickten so unterschiedliche Leute wie James Joyce, Brent „Data“ Spiner, Hansi Hinterseer, Hella von Sinnen und Shakira das Licht der Welt. Der britische Musiker Graham Nash, Gründungsmitglied der Hollies und Teil des legendären Quartetts Crosby, Stills, Nash & Young, darf heute seinen 76. Geburtstag feiern.

1970 veröffentlichte Graham Nash zusammen mit seinen Bandkollegen David Crosby, Stephen Stills und Neil Young das überaus erfolgreiche Album Déjà vu. Das Déjà-vu ist im Lexikon eine „Erinnerungstäuschung, bei der soeben Erlebtes schon früher einmal erlebt erscheint; bei Gesunden besonders durch Erschöpfungszustände bedingt, auch Symptom bei Neurosen, Psychosen, organischen Hirnleiden.“ Wie es genau entsteht, ist jedoch umstritten.

Es gibt zum Beispiel eine Theorie, nach der immer dann mit einem Déjà-vu zu rechnen ist, wenn die Raumzeit durcheinander gerät und sich dadurch einige der unendlich vielen Paralleluniversen, deren Existenz hierbei vorausgesetzt wird, überkreuzen. Genauso kann man versuchen, ihm mit ein wenig Neurowissenschaften und Chemiekenntnissen nachzuspüren, oder es als „Fehler in der Matrix“ erklären. Es könnte sich aber auch um Botschaften aus der Vergangenheit handeln – gelöschte, verdrängte, vergessene, falsch abgespeicherte Erinnerungen dringen zurück ins Bewusstsein und lösen ein seltsames, doch wohliges Gefühl vertrauter Fremdheit aus.

Das Déjà-vu, das im Falle von CSNY ja eher Déjà entendu (wörtlich: „schon gehört“) heißen müsste, wenn man es denn wie manche Forscher in verschiedene Unterkategorien (Déjà-revé – schon geträumt, Déjà-fait – schon getan, Déjà-pensé – schon gedacht, Déjà-senti – schon gefühlt, Déjà-dit – schon gesagt, Déjà-gouté – schon geschmeckt, Déjà-visité – schon besucht) aufsplitten möchte, wird in Und täglich grüßt das Murmeltier zur nervenraubenden Zeitschleife. In einem albtraumhaften Endlos-Déjà-vu gefangen, muss der zynische Wetteransager Phil jeden Tag mit Sonny and Cher den immergleichen 2. Februar durchleiden. Bis er lernt, weder egoistisch seinen daraus entstehenden Wissensvorsprung zu missbrauchen noch an der aufgezwungenen Eintönigkeit zu verzweifeln. Und stattdessen geläutert alle Energie darauf verwendet, wie Scrooge in Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte ein besserer Mensch zu werden.

Eine weitere Variation des Déjà-vu-Themas findet sich in dem Film Eternal Sunshine of the Spotless Mind (Vergiss mein nicht!). Nichtlinear wird die Geschichte von Joel und Clementine erzählt, die den jeweils anderen nach gescheiterter Beziehung aus ihrem Gedächtnis löschen lassen möchten. Doch die als Allheilmittel gepriesene Prozedur schlägt fehl – während der Zuschauer durch Joels Gehirnwindungen und vorbei an verblassenden Erinnerungsfitzelchen rauscht, wird deutlich, dass sich Gefühle nicht so einfach ausradieren lassen. Kämpfte Phil noch verzweifelt gegen sein fortwährendes Déjà-vu an, so versucht Joel, genau dieses heraufzubeschwören und festzuhalten: Er klammert sich an die kostbaren Erinnerungen seiner Zeit mit Clementine, die vor seinen Augen zerstört werden und für immer verschwinden. Um die Arbeiten des Löschtrupps aufzuhalten, bringt er Clementine in Gedanken schließlich bewusst an Orte, an denen sie nie gewesen sein kann, versteckt sie folglich in seiner eigenen Kindheit.

Als sich die beiden am Ende, das zugleich Anfang ist, wiedertreffen, sich als Seelenverwandte wiedertreffen müssen, empfinden sie dies, wie auch das seelenverwandte Paar Chris und Annie im thematisch ähnlichen Drama What Dreams May Come (Hinter dem Horizont), als Déjà-vu par excellence: Ihre Emotionen haben die Eliminierung überdauert, und sie spüren, dass sie das nun Erlebte und Zu-Erlebende irgendwie schon einmal erlebt haben. Die Zuneigung zur verwandten Seele erwies sich als stärker als jene Löschfirma, die in beider Gedächtnis herumpfuschte und doch nicht wirklich an die Areale herankam, in denen menschliche Gefühlsregungen abgespeichert werden.

Vergessen auf Knopfdruck funktioniert glücklicherweise also in keinem der Filme; dennoch ist es die Möglichkeit des Vergessens, die wiederum Figuren wie der unglücklich in Abälard verliebten Heloise Trost bietet:

„How happy is the blameless vestal’s lot!
The world forgetting, by the world forgot.
Eternal sunshine of the spotless mind!
Each pray’r accepted, and each wish resign’d“
– Alexander Pope: Eloisa to Abelard

An was wir uns erinnern und was uns entfällt, können wir allerdings nur schwer selbst beeinflussen. Aber wenn wir uns einer entfallenen – einst gelöschten? – Sache erinnern, kann es passieren, dass wir für einige Sekunden glauben, wie die Beobachter „Punxsutawney Phils“ in die Zukunft schauen und den weiteren Lauf der Dinge vorhersagen zu können. Womit es sich dann um ein klassisches Déjà-vu-Erlebnis handeln würde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.