Warum das Meer mehr Freunde braucht

Die Spezies Mensch betrat 1969 den Mond. Insgesamt zwölf Personen – alles männliche US-Amerikaner – haben dort in den letzten 50 Jahren ihre Fußabdrücke hinterlassen. Zum Vergleich: Nur drei Männer – einer aus der Schweiz, einer aus den USA und einer aus Kanada – erreichten bislang im Marianengraben den tiefsten Punkt der Ozeane.

Die Anekdote der „Eroberung“ von Mond und Meer erzählt viel über männliche Dominanz in der Forschung; vor allem jedoch darüber, dass die aufregende Flora, Fauna und Geologie unter dem Meeresspiegel bis heute keine Lobby hat. In 384.400 Kilometern Entfernung umkreist uns der Erdtrabant. Schlappe 11 Kilometer trennen den Grund des Marianengrabens von der Wasseroberfläche. Trotzdem wissen wir mehr über das Weltall als über die Weltmeere, scheren uns einen Dreck um die Überfischung und Verseuchung der See, zerstören billigend ihr Gleichgewicht und verwandeln unseren blauen Planeten langsam, aber sicher in einen Sarg: ohne das Blau kein Leben.

Endlich regt sich allerdings Widerstand. Beispielsweise fordert die Klimastreikbewegung hinter Galionsfigur Greta Thunberg Politik und Wirtschaft zum Handeln auf, wozu der Schutz der Meere gehört. Dass die Uhr tickt, ist auch dem jungen Meeresbiologen, Taucher und BBC-Moderator Tom Hird klar. Der leidenschaftliche Umweltschützer hat kürzlich mit seiner Ozeanopädie ein Buch veröffentlicht, das laut Untertitel „291 unglaubliche Geschichten vom Meer“ versammelt. In ihnen wirbt der Autor für einen bewussteren Umgang mit dem Blau, auf dass es unseren Enkelkindern und weiteren Generationen erhalten bleiben und „Living Coral“, die von Pantone ausgerufene Trendfarbe 2019, nicht zur zynischen Lachnummer der Zukunft geraten möge.

Heavy-Metal-Fan Hird trägt seit dem Studium den Spitznamen „Kugelfisch“. Dennoch waren es einst Haie, die den aus einer tierfreundlichen Familie stammenden Briten zu einem Anwalt des fremden aquatischen Universums werden ließen. Die Knorpelfische sind seine Lieblingstiere und besonders der stark dezimierte Weiße Hai, ein Wunderwerk des Ökosystems, bildet den Motor seiner Mission.

Haie werden in einem wirklich apokalyptischen Ausmaß verfolgt. Die Zahl dieser wunderbaren Tiere nimmt weltweit stetig ab, und das als Folge menschlichen Handelns, das sich nicht so schnell anhalten lässt. Ich habe mein Leben dem Ziel gewidmet, alles zu tun, damit die Menschen mehr über Haie und Ozeane erfahren, damit sie unbegründete Ängste und Gleichgültigkeit überwinden, in der Hoffnung, dass in meinen letzten Lebenstagen mehr Haie in den Meeren schwimmen werden, als sie es zum Zeitpunkt meiner Geburt getan haben.

– Tom Hird: Ozeanopädie

Für diese Mission kidnappt Hird seine Leser mit britischem Humor und entführt sie zu einer literarischen Studienfahrt an, auf und in die Meere. Das Abenteuer fängt mit einer Spritztour durch die Erdhistorie an und endet mit einem Abstecher zu all den barbarischen – menschengemachten – Bedrohungen, die das Boot des Homo nicht-so-sapiens zum Sinken bringen könnten. Dazwischen reisen die Expeditionsteilnehmer zu sämtlichen Breitengraden und tauchen durch die einzelnen Wasserschichten, während ihr Mund offen steht wie bei einem Fisch.

Niedliche und höllisch giftige, winzige und kolossale, verblüffende und clevere Kreaturen bevölkern die marine Welt, viele davon mit Fähigkeiten ausgestattet, gegen die das Leben an Land richtig lahm wirkt. Der Pompejiwurm zum Beispiel steckt die 80 Grad Celsius in der Nähe hydrothermaler Quellen locker weg. Glasschwämme werden dafür in den eisigen Fluten der Antarktis 10.000 Jahre alt. Der Seestern kann abgetrennte Arme nachwachsen lassen, abgetrennte Arme können aber genauso gut einen neuen Seestern wachsen lassen.

Quallen sind praktisch noch weniger kaputt zu kriegen, sie teilen und vermehren sich – erst recht durch globale Erwärmung und schrumpfende Fischbestände – pausenlos und mutieren inzwischen zur Gefahr für die ozeanische Balance. Und eben nicht bloß das Klima der Meere könnte unumkehrbar kippen, wenn der Mensch die Nahrungsketten zwischen Phytoplankton und Orcas weiter zerschnippelt.

Dabei hat die Natur so viel Erstaunliches erschaffen, das auch ohne unmittelbaren Eigennutz schützenswert ist: Symbiosen, wie die zwischen Pistolenkrebs und Grundel, die eine beliebte Überlebensstrategie darstellen; Putzerlippfische, die unter den Wogen Reinigungstationen für zeitweilig lammfromme Räuber betreiben; die Harlekingarnele, die skrupelloser ist als Batmans Erzfeind Joker; oder ein Enzym mit dem possierlichen Namen Luciferase, das wortwörtlich Licht ins Dunkel bringt. Von manchem hat man möglicherweise schon gehört, doch der „Kugelfisch“ überrascht uns mit originellen Perspektiven und in die Tiefe gehenden Details.

Das Kalkül hinter den 291 Geschichten ist bestechend einfach: Was man in seiner Einzigartigkeit kennenlernt, was man faszinierend findet oder gar wertzuschätzen beginnt, wandert einem vielleicht beim nächsten Einkauf und Urlaub nicht mehr am Allerwertesten vorbei. Wir sind mündige Verbraucher, die mit ihrem Konsumverhalten sehr wohl beeinflussen können, ob die im letzten Jahr auf dem Grund des Marianengrabens entdeckte Menge an Plastik ausufert. Tom Hird muss also selten mit der moralischen Keule zuschlagen, in der Regel reicht ein Augenzwinkern.

Die Kegelmuschel trägt alarmierenderweise den Spitznamen Zigarettenschnecke – wird man von ihrer Harpune getroffen, hat man noch genug Zeit, um eine Zigarette zu rauchen, bevor man stirbt. Irgendwie ironisch, dass leere Kegelmuscheln weltweit Bäder, Spas und schicke Hotelzimmer dekorieren. Es ist vielleicht nicht das passende Ende für einen solchen Hardcore-Killer.

– Tom Hird: Ozeanopädie

Einladend wie der Schreibstil sind auch Optik und Haptik des Bandes gestaltet. Das Cover zieren Vintage-Illustrationen von Ozeanbewohnern, das Format ist handlich, das Lesebändchen höchst willkommen. Im Innenteil wartet eine bunte Fotostrecke, während manche Kapitel um Radierungen ergänzt wurden. Seltsamerweise meist dort, wo es nicht erforderlich gewesen wäre: Das Äußere von Hering, Seelöwe oder Albatros ist vertraut; im Gegensatz zu Exoten wie Entenmuschel, Dumbo-Tintenfisch, Epaulettenhai, Yeti-Krabbe und Co., bei denen die Beschreibungen neugierig auf Abbildungen machen und die im Internet betrachtet werden müssen.

Eine kurze Liste mit weiterführender Literatur rundet die Ozeanopädie ab. Eigentlich hätte ihr – dem Namen nach schließlich ein Nachschlagewerk – vor allem ein Stichwortverzeichnis nicht geschadet. Aus dem Anhang heraus gezielt alle Abschnitte über Algen, Rochen oder Schnecken ansteuern zu können, ist zumindest das, womit man bei einem Lexikon rechnet. Dieses hingegen ist, wie schon das Vorwort verrät, eher „ein lockerer Leitfaden zum aktuellen Stand der Wissenschaft“. Und das heißt: eine Kompilation ineinandergreifender Geschichten aus Biologie, Chemie und Physik, die am besten fortlaufend geschmökert werden.

Was das Buch aber fraglos benötigt hätte, wären eine präzisere Übersetzung und ein aufmerksameres Lektorat. Korrektes und idiomatisches Deutsch ist das oftmals nicht, was sich da insbesondere in der ersten Hälfte präsentiert. Die Schnitzer reichen von harmlos (fehlende Satzzeichen) über irritierend (falsche Kasus) bis brachial (kompliziert verschachtelte Satzgefüge, denen man die Herkunft als englische Partizipialkonstruktion deutlich ansieht und in denen überdies die Bezüge nicht mehr stimmen).

Wer vergessen hat, dass die englische ‚billion‘ einer deutschen ‚Milliarde‘ entspricht, amüsiert die Leser bereits auf Seite 11 mit dem Klassiker aus dem Englischunterricht: „Seit etwa 4,5 Billionen Jahren gibt es Wasser auf unserem Planeten.“ Wer wiederholt ‚to feed‘ mit dem Kausativ ‚füttern‘ gleichsetzt, obwohl der Kontext ‚fressen‘ verlangt, sorgt genauso für unfreiwillige Komik: „Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem viele Lebewesen, die den Frühling und Sommer fütternd in den Algen verbracht haben, einen anderen Lebensstil beginnen“ – nein, die Tierchen haben garantiert nicht Artgenossen verköstigt, sondern sich selbst vollgestopft.

Wie andere Wale und Delfine jagen und kommunizieren Belugas durch Echoortung, sie senden Impulse durch die sogenannte Melone, einem Organ aus Fettgewebe an der Stirn. Der Beluga scheint ein sehr gesprächiger kleiner Wal zu sein. Die Melone wölbt sich in seiner riesigen Stirn und scheint extrem formbar zu sein: Wenn der Wal Luftzüge nimmt und sie um die Nasennebenhöhlen in seinem Kopf bewegt, verformt sich die Melone und ermöglicht die Produktion einer Vielzahl von verschiedenen Klängen. Belugas wurden sogar dabei aufgenommen, wie sie menschliches Sprechen nachgeahmt haben.

– Tom Hird: Ozeanopädie

Apropos Artgenossen. Mal wechselt ‚die Art‘ das Geschlecht („Jede Fischart hat seine eigene einzigartige Schuppenausstattung“), mal ‚das Neuron‘ („einer dieser Mauthner-Neuronen“), mal ‚die Kieme‘ („wenn es den Kiemen verlässt und durch den Körper wandert“), mal ‚die Robbe‘ und gefühlt jedes andere Substantiv. Das ist anstrengend zu lesen, selbst wenn im wahren Leben Fische durchaus zwischen den Geschlechtern herumschwimmen können, wie Tom Hird schildert.

Auch Laich verhält sich in der deutschen Version des Textes mysteriös. Offenbar vermag er aktiv Nahrung zu sich zu nehmen, denn „Fischlarven und Fischrogen haben die allgegenwärtigen Ruderfußkrebse auf dem Speiseplan“. Und: „Nach etwa einem Monat schlüpfen die Eier“ – und nicht die Brut. Man kann die wahllos herausgepickten Beispiele erheiternd finden. Auf Dauer sind sie allerdings ziemlich nervig und lenken vom Inhalt ab.

Ob die bei Atlantic Books verlegte Originalfassung Tom Hirds Muttersprache gerechter wird, muss vermutet werden. Die deutsche Ausgabe ist im Verlag Terra Mater Books erschienen. Der ging im Oktober 2018 an den Start (die Ozeanopädie war einer der Premierentitel), gehört unter das Dach von Benevento Publishing und ist damit der jüngste Zuwachs im Stall der österreichischen Red Bull GmbH. Wie die gleichnamige, auf Servus TV ausgestrahlte Dokureihe und das mit der Serie verwandte Magazin, will Terra Mater Begeisterung für die Schönheit der Natur wecken. Und im Idealfall Interesse an der Zukunft dieser Schönheit.

Terra-Mater-Autor Tom Hird hat großes Interesse an der Zukunft der Lebensräume Hoch- und Tiefsee, Küste, Eismeer und Korallenriff. Mit Witz und Sachkunde legt er dar, warum es sich für unsere Spezies und jede Einzelperson lohnen würde, den Blick häufiger von Himmelsobjekten ab- und den Ozeanen der Erde zuzuwenden. Deshalb, wegen der Dringlichkeit der Sache und trotz einiger kleiner Mängel: lesen!

Ozeanopädie – 291 unglaubliche Geschichten vom Meer
Originaltitel: Blowfish’s Oceanopedia – 291 Extraordinary Things You Didn’t Know About The Sea
Autor: Tom Hird
Übersetzung: Nadine Lipp
352 Seiten, Terra Mater Books 2018

Ich danke Terra Mater Books für das Rezensionsexemplar und Dr. Nico Schulte-Ebbert dafür, dass er mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat.

Kommentare

  1. Eine Rezension wie eine GEO-Reportage!

    Zwar hatte ich Dich auf die »Ozeanopädie« aufmerksam gemacht (ein Dank für die Erwähnung), da ich von Deiner Ozeanophilie weiß, doch mehr als den Klappentext habe ich von Tom Hirds Buch nicht gelesen. Es scheint – trotz der unschönen und von Dir aufgelisteten formalen Fehler – eine lohnende Lektüre zu versprechen, die uns die Augen für das Naheliegende zu öffnen vermag, denn man sieht ja oft das Meer vor lauter Wasser nicht.
    Das erinnert mich an die bei Diogenes Laertius überlieferte Anekdote über Thales von Milet: Als dieser nämlich »einst, um Sterne zu beobachten, begleitet von einem alten Weib, seine Wohnung verließ, fiel er in eine Grube. Da rief dem Aufschreienden das Weib die Worte zu: ›Du kannst nicht sehen, Thales, was dir vor Füßen liegt, und wähnst zu erkennen, was am Himmel ist?‹«
    Vermutlich werden auch wir erst den Ernst der Lage erkennen, wenn uns das Wasser mitsamt dem Plastik bis zum Halse steht. Und dann werden wir panisch den Planeten verlassen, doch es wird zu wenige Medium-Raumanzüge geben: Der erste »all-female spacewalk«, den die beiden Astronautinnen Anne C. McClain und Christina H. Koch am vergangenen Freitag gemeinsam ausführen sollten, mußte abgesagt werden. Der Grund: Auf der Internationalen Raumstation gibt es nur eine mittelgroße Anzugskomponente!
    Ob es im Marianengraben vielleicht ähnliche Probleme gibt?

    PS: Was das von Dir erwähnte Fehlen einer Lobby des »Octopus’s Garden« betrifft, so kann ich mir vorstellen, daß John Cleese diesbezüglich gute Arbeit leisten könnte. In einem grandiosen Auftritt in der Late Night Show von David Letterman im Juli 1988 erklärte er, daß Fische vollkommen unterschätzt seien: Sie seien großartige Haustiere, die dich nie durch Bellen aufweckten. Du wüßtest immer genau, wo sie sich aufhielten, denn sie könnten nie entkommen, wenn man mal die Tür aufgelassen hätte. Sie benötigten keine Impfungen, man müsse sie nicht waschen, und wenn man mal vergessen hätte, sie zu füttern, würden sie sich einfach gegenseitig fressen. Aber das Erstaunlichste sei die Tatsache, daß sie nie ertrinken würden, weil sie unter Wasser atmen könnten, eine Fähigkeit, die nicht einmal Albert Einstein, der Buddha oder Jesus Christus (der nur auf dem Wasser laufen konnte) besessen hätten. (https://www.youtube.com/watch?v=3q0q_dZTz-s)

    PPS: Gibt es in der »Ozeanopädie« eine Abbildung eines »Kuschelfischs«?

    • Kristy Husz

      Ha ha ha, danke für den Hinweis auf den „Kuschelfisch“, ich habe ihm nach dem Lachen natürlich wieder seine Kugelform zugewiesen! Wobei sich John Cleese über so ein besonders plüschiges Exemplar in seinem Aquarium bestimmt freuen würde…

  2. Dann handelte es sich also beim »Kuschelfisch« nicht um eine besonders anhängliche, körperliche Nähe suchende Art, sondern um einen (vielleicht Freudschen) Vertipper Deinerseits? Ich muß gestehen, ich bin ein wenig enttäuscht: Kuschel- und Putzerfisch hätten so ein tolles Duo abgegeben! Na, uns bleibt ja immer noch die Yeti-Krabbe, die sicherlich bald von Reinhold Messner in seinem neuen Bestseller »Auf einen Schwarzen Raucher mit der Yeti-Krabbe – Mein Leben in der Tiefsee« verewigt werden wird.

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