Wir haben alles. Außer Mut.

Ach, was ist es ganz schön hier in der mittelfränkischen Provinz. Unzählige Male im Jahr dürfen wir uns am Lieblingsspielzeug und -heiligtum der Deutschen erfreuen: dem Auto. Dicht an dicht gepackte Oldtimerschauen und Rallyefahrten, Klassikertage und Benzingespräche, Motorzubehörmessen und Amischlittenausstellungen sprengen den Kalender und treiben den Drehzahlmesser fürs Freizeitstress-Herzinfarktrisiko ordentlich in die Höhe.

Jüngst waren es denn auch wieder einmal die Boliden aus dem Land der unbegrenzten Spritverschwendungsmöglichkeiten, welche die Pumpen der ambitionierten Hobbytuner und Lederfetischisten, der leidenschaftlichen Chrompolierer und Abgasinhalierer in Wallung brachten. Nur logisch, dass dieses Event der Dezibelspitzenklasse eine Masse von Menschen an den Gunzenhäuser Schießwasen zog, die bei 30 Litern auf 100 Kilometer feuchte Augen kriegen (vor Glück). Und dass die Heimatzeitung angemessen von der Sause berichtete, selbstverständlich gleich auf Seite 1.

Rein optisch sind Cadillac & Co. wirklich adrette Gefährte – aber war sonst noch was geboten am letzten Wochenende?

Ach ja, richtig, circa 350 linksgrünversiffte Klimademonstranden stoppten, als Teil einer immerhin globalen Aktion, am Freitagnachmittag den ungehinderten Verkehrsfluss auf den Straßen und erdreisteten sich sogar, den Marktplatz für die Dauer einiger Streikkundgebungen zur Fußgängerzone zu erklären. Die mediale Berichterstattung war umfangreich, landete allerdings aus Feigheit Gründen, die man ähnlich wie die Klimaschutzideen der Bundesregierung nicht nachvollziehen können muss, auf Seite 3.

Die Prioritäten sind klar. Nach dem überschwänglichen Titelseitenlob des Lärms und der Luftverpestung durch US-Karren erweist sich die aufs Umblättern folgende Headline „Jede nicht gemachte Autofahrt hilft“ jedenfalls als miese Pointe – oder soll es sich am Ende doch um einen perfekt getarnten Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-„Dolchstoß“ handeln? Waren die findigen Redakteure der Meinung, dass das später Gelesene besser im Gedächtnis haften bleibt, und streckten den glänzenden Chromsiegfried einfach hinterrücks mit Hagens umweltfreundlichem Holzspeer nieder?

Eine Frage, deren Beantwortung die unkritische Masse so oder so nicht interessieren wird. Hauptsache, keiner kratzt den offiziell zuerkannten Aufkleber namens „fahrradfreundlich“ von der Kommune und stellt fest, dass der Kaiser nackt, äh, der Lack unter dem Bapperl ganz schön ab ist.

Kommentare

  1. Eine wunderbar treffende und treffsichere, rhetorisch gekonnt ausgeführte Kommentarspitze zur Lage der Nation (der Welt?) in nuce! Da nicht nur die mittelfränkischen (Alt-)Mühlen der Anthropokratie bekanntlich noch langsamer mahlen als diejenigen der Bürokratie, wird es wohl noch dauern, ehe derartige Ausstellungen von Blumenwiese und Schießwasen ins Kulturhistorische Museum sowie derartige Berichte von der Titelseite zu unter ferner liefen verlagert werden. Es müssen wohl erst ein paar alte Zündkerzen ausgewechselt werden, bevor der Funken überspringen kann. Dazu braucht es Kritik wie diese, die sich auch als Leserbrief hervorragend gemacht hätte.
    Ich plädiere übrigens dafür, den recht laschen Begriff des »Klimawandels« zugunsten des drastischeren Neologismus »Unklima« aufzugeben. Ähnlich den Verstärkungen bei Ding/Unding, Mensch/Unmensch oder Wetter/Unwetter verleiht der Begriff »Unklima« dem ohnehin alltäglichen und ›geneigten‹ (κλίνειν) Klima äußerste Aufmerksamkeit, Vorsicht und Beunruhigung. Und seien wir ehrlich: Niemand würde ernsthaft in Panik geraten, gäbe der Deutsche Wetterdienst statt der üblichen Unwetterwarnungen »Wetterwandelwarnungen« heraus. Man sollte die Dinge schon bei den Namen nennen, die ihre Bedeutung deutlich offenlegen. Auch das wäre mutig.

    • Über den Einsatz von Euphemismen in der Geschichte lassen sich ganze Bücher füllen; den Begriff „Klimawandel“ fand ich auch schon immer viel zu lasch im Angesicht dessen, was tatsächlich passiert. Vor allem suggeriert er fatalerweise, dass es sich um etwas Natürliches und nicht um etwas Menschengemachtes handelt…

  2. Michael Jacques Lieb

    Kristy Husz hat ja so was von „Recht“.
    All die Amischlitten-Gottesanbeter und Benzin-Diesel-Raser-Machos sollten sich so einen Artikel als Tatoo stechen lassen.
    Ausserdem gehört er fettgedruckt auf die Erste Seite.
    Die mutigsten, die sich trauen die Wahrheit zu öussern… scheinen junge Frauen zu sein…
    Hut ab…

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